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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 5 Lateinamerika im Weltsystem – Zwischen Dependencia und Dissoziation
 up 5.2 Die Dependencia-Schule

5.2.2 Andre Gunder Frank – die radikal-politische Strömung der Dependencia

Andre Gunder Frank (1929– ) ist einer der radikalsten und prominentesten Vertreter der Dependenz-Theorie. Des öfteren wird er auch als deren eigentlicher Begründer bezeichnet. Seine Analyse greift in hohem Maße auf marxistische Diskussionen zurück. Sein Denken ist einer Philosophie der politischen Praxis verpflichtet.

Franks Rolle bewertet Wolfgang Hein folgendermaßen:

"Seine Hauptthesen über Unterentwicklung und Weltsystem spielten eine katalysatorische Rolle in der lateinamerikanischen Diskussion, die prägnante Formulierung seiner Thesen sorgte für rasche Verbreitung. Wichtig waren dabei die Zuspitzung und die illustrative Art seiner Darstellung und die Klarheit seiner politischen Aussagen."

(Hein, Wolfgang: Andre Gunder Frank (1929– ). Metropolen, Satelliten und das Weltsystem. In: http://www.dse.de/zeitschr/ez300-8.htm (13.01.03))

Im Jahre 1967 legte Frank jene Schrift vor, welche der dependenztheoretischen Debatte als wichtigstes Referenzwerk dienen sollte:

Frank, Andre Gunder (1967, revised ed. 1969): Capitalism and Underdevelopment in Latin America. Monthly Review Press: New York (deutsch: Frank, Andre Gunder (1969): Kapitalismus und Unterentwicklung in Lateinamerika. Europäische Verlagsanstalt: Frankfurt a. Main)

Frank interpretierte die Lage in Lateinamerika als Produkt historisch entstandener Abhängigkeitsstrukturen, als Entwicklung der Unterentwicklung:

"Die jetzt entwickelten Länder waren niemals unterentwickelt, auch wenn sie unentwickelt gewesen sein mögen. [...] Die historische Forschung zeigt [...], dass die zur Zeit stattfindende Unterentwicklung zum großen Teil das historische Produkt der vergangenen und andauernden wirtschaftlichen und anderen Beziehungen zwischen den unterentwickelten Satelliten und den jetzt entwickelten Metropolen ist."

(Frank, Andre Gunder: Die Entwicklung der Unterentwicklung, In: Frank, Andre Gunder u. a. (1969): Kritik des bürgerlichen Anti-Imperialismus. Wagenbach: Berlin: 31f)

Indem Frank das Begriffspaar Zentrum-Peripherie durch Metropole-Satellit ersetzte, akzentuierte er stärker die funktionale Bedeutung der abhängigen Länder für die Metropolen – von den Satelliten kommt es zu einem surplus-Transfer zugunsten der Metropolen, welcher deren Entwicklung ermöglicht. In diesem Sinne gibt es für Frank drei Widersprüche in der kapitalistischen Weltwirtschaft:

"– Die Enteignung/Aneignung von ökonomischem Surplus: Anknüpfend an die Arbeiten des marxistischen Wirtschaftswissenschaftlers Paul Baran betont Frank die Existenz eines ständigen Surplus-Transfers von den letzten Satelliten über die abhängigen Metropolen in die Hauptmetropolen des Weltsystems, vermittelt über die monopolistischen Strukturen des kapitalistischen Weltmarkts.

– Der Widerspruch der Metropolen-Satelliten-Polarisierung: Den Satelliten wird im Rahmen des weltkapitalistischen Systems ständig investierbarer Surplus entzogen, der den Metropolen als Grundlage ihres Wachstums zur Verfügung steht. So sind wirtschaftliche Entwicklung und Unterentwicklung zwei Seiten einer Medaille, wobei die einheimische Wirtschaft des Satelliten mit der gleichen kapitalistischen Struktur und ihren fundamentalen Widersprüchen ‚imprägniert wird: Die Metropolen-Satelliten-Beziehungen bestehen also nicht nur auf internationaler Ebene, sondern ebenso innerhalb von Nationen.

– Kontinuität im Wandel: Auch wenn sich das kapitalistische Weltsystem im Laufe seiner historischen Entwicklung wandelt, reproduzieren sich die Grundstrukturen der Metropolen-Satelliten-Beziehungen immer wieder. Dabei erfahren die Satelliten eine ökonomische Entwicklung, die dem klassischen Kapitalismus dann am nächsten kommt, wenn ihre Bindungen an ihre Metropolen am schwächsten sind. Aber wenn die jeweiligen Metropolen sich von ihren Krisen erholen und durch eine neue Expansion der Handels- und Investitionsbeziehungen die Satelliten wieder völlig in das System integrieren, brechen diese Ansätze wieder in sich zusammen. Frank verweist auf die Krise der wirtschaftlichen und vor allem sozialen Entwicklung gerade der modernen Stadtregionen von Buenos Aires und São Paulo als Folge der seit Kriegsende wieder verstärkten Beziehungen zwischen diesen lokalen Metropolen und den Weltmetropolen."

(Hein, Wolfgang: Andre Gunder Frank (1929– ). Metropolen, Satelliten und das Weltsystem. In: http://www.dse.de/zeitschr/ez300-8.htm (13.01.03))

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