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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 5 Lateinamerika im Weltsystem – Zwischen Dependencia und Dissoziation
 up 5.2 Die Dependencia-Schule

5.2.1 Cardoso und Falleto – die gemäßigt strukturalistische Variante der Dependencia

Fernando Henrique Cardoso wurde als Präsident Brasiliens international bekannt (1994–2002).

Seine erste (weniger bekannte) Karriere als Soziologe ist eng mit den entwicklungstheoretischen Debatten der 1960er und 1970er Jahre verbunden. Er verkörperte jenen Teil der Dependencia-Schule, die sich einerseits mit Begriffen wie Abhängigkeit, strukturelle Heterogenität und abhängige Entwicklung gegen die Modernisierungstheorien wandte. Andererseits konzentrierte sich Cardoso auf sektorale und fallspezifische Analysen. Die verschiedenen Kontexte und Dynamiken, in denen sich Entwicklung in Lateinamerika vollzieht, lassen in Cardoso Schriften das Bild eines komplex-interaktiven Prozesses entstehen.

Zusammen mit dem chilenischen Soziologen Enzo Falleto veröffentlichte er 1969 die Schrift "Abhängigkeit und Entwicklung in Lateinamerika". Diese avancierte zum frühen Referenzwerk der Dependencia-Literatur.

Der partikular-differenzierte Ansatz stand den globalen und universalistischen Synthesen eines Andre Gundar Frank entgegen. Analoges gilt für die politischen Schlussfolgerungen: regionale oder sektorale Alternativen im Gegensatz zu pan-amerikanischer Gesellschaftstransformation.

Dieter Nohlen und Claudia Zilla beurteilen die Arbeit Cardosos und Falletos folgendermaßen:

"Ihre Theorie der Abhängigkeit bzw. abhängiger Entwicklung schrieb einerseits die ‚cepalinische Entwicklungssoziologie von José Medina Echavarría fort, andererseits verstand sie sich als Alternative zu Andre Gunder Franks marxistischer Theorie der Abhängigkeit. Thematisch handelte es sich um eine umfassende Analyse von Entwicklung, welche die Wachstumsprozesse der verschiedenen Länder des Subkontinents mit Struktur und Verhalten der sozialen Klassen sowie mit den Machtstrukturen verband und so den politischen Charakter ökonomischer Transformationsprozesse in den Mittelpunkt stellte.

[...]

Cardoso/Faletto wenden sich nicht nur kritisch gegen Franks These von der ‚Entwicklung der Unterentwicklung , sondern auch gegen die These der ‚strukturellen Aufrechterhaltung der Unterentwicklung von Raúl Prebisch. Vielmehr müssen – neben ‚den perpetuierenden strukturellen Mechanismen – ‚die widersprüchlichen Ergebnisse des Entwicklungsprozesses selbst und die Möglichkeiten der Negation der bestehenden Ordnung berücksichtigt werden.

[...]

Cardosos Entwicklungstheorie wird üblicherweise der Dependencia zugeordnet, also einem der beiden Großparadigmen, die bis in die 80er Jahre das entwicklungstheoretische Spektrum ausfüllten. Doch weist Cardoso mit seinem multidimensionalen, kontextsensiblen und historisch differenzierten Ansatz über die Dependencia und die dem Gegensatz der Entwicklungsparadigmen zugrundeliegenden Annahmen weit hinaus. Besonders augenfällig wird dies im Schlusskapitel von Abhängigkeit und Entwicklung in Lateinamerika , worin Cardoso und Faletto keine allgemeinen Schlussfolgerungen ziehen, sondern Anmerkungen und Überlegungen methodologischer und konzeptioneller Natur bieten. Sie verweigern sich folglich theoretischen Ergüssen in der Form jener Erklärungen und Empfehlungen universalistischen Anspruchs, wie sie für die zwei Großtheorien seinerzeit üblich waren."

(Nohlen, Dieter/Zilla Claudia: Fernando Henrique Cardoso (*1931) Abhängigkeit und Entwicklung in Lateinamerika. In: http://www.dse.de/zeitschr/ez1000-8.htm (13.01.03))

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Fernando Henrique Cardoso, Quelle: Brazilian Embassy in London (http://www.brazil.org.uk/page.php?cid=1125)

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