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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 5 Lateinamerika im Weltsystem – Zwischen Dependencia und Dissoziation

5.2 Die Dependencia-Schule

Mitte der 1960er Jahre war die autozentrierte Entwicklungsstrategie des CEPALismo in eine Krise geraten. Die Importsubstitution hatte zwar in vielen Ländern Früchte gezeitigt – der Import von Fertigwaren konnte verringert werden. Kapitalgüter mussten jedoch nach wie vor importiert werden. Darüber hinaus hatten sich die Einkommensunterschiede vergrößert und die Armut der Unterschichten erhöht. Die auf der politischen Ebene erhoffte Metamorphose der agrarbesitzenden Oligarchien und der industriellen Bourgeoisien in moderne, dynamische Unternehmerklassen hatte sich als Illusion herausgestellt. Im Gegenteil: Der Widerstand der etablierten Oligarchien gegen die Forderungen der Industriearbeiterschaft und der landlosen Bauern sollte sich ab Ende der 1960er Jahre in der Etablierung rechtsgerichteter Militärdiktaturen widerspiegeln. Einer der tragenden Akteure einer nachholenden demokratischen Modernisierung – die besitzenden Klassen – hatte sich damit verweigert.

Damit einher ging eine internationale Radikalisierung des politischen Diskurses (an dem die Dependencia-Theorie keinen geringen Anteil hatte). Diese Radikalisierung beschränkte sich nicht nur auf das intellektuelle Milieu. Die Strahlkraft der Kubanischen Revolution, die Hoffnungen in die Guerilla, die Entstehung der 68er Bewegung, der Aufschwung sozialer Bewegungen – die Dependencia-Schule entstand als Produkt dieser Entwicklung und wurde schnell zu einem ihrer geistigen Akteure. Durch populär-narrative Darstellungen, wie Eduardo Galeanos "Die offenen Adern Lateinamerikas" (1971), erlangte die Dependenz-Theorie sogar Massenwirkung.

Die Dependenz-Theorie entstand unter einer Gruppe von Wissenschaftlern der Comisión Económica para América Latina (=CEPAL). Ihr Leitbegriff, die Abhängigkeit (dependencia), wurde zum Schlüssel für die Erklärung der Unterentwicklung. Der Historiker Andre Gunder Frank sprach dabei von der Entwicklung der Unterentwicklung. Diese wurde als historisches Produkt jahrhundertelanger Fremdeinwirkung betrachtet, die Lateinamerika in einer untergeordneten Funktion in die internationale Arbeitsteilung eingebunden habe. Ungleiche Handels- und Kapitalbeziehungen hätten die Abhängigkeit bis heute fortgesetzt und zu einem dauernden Mehrwert-Transfer von der Peripherie ins Zentrum geführt.

Wie an den Begriffen Peripherie und Zentrum zu erkennen, ist die Dependenz-Theorie zum Teil eine Weiterführung der Thesen des CEPALismo. Sowohl das Zentrum-Peripherie-Modell als auch die Analyse der sich verschlechternden terms of trade wurden übernommen. Zur Weiterführung dieses strukturalistischen Erbes trat die Wiederentdeckung marxistischer Interpretationen hinzu. Die Diskussionen um den Übergang des Feudalismus zum Kapitalismus (die Ökonomen Paul Sweezy und Maurice Dobb in den 1950er Jahren) und die Neo-Imperialismustheorien des Amerikaners Paul Baran flossen in die Analyse mit ein. Anti-Imperialismus bestimmte auch die politischen Forderungen der Dependencia-Vertreter.

Der Begriff "Dependencia-Schule" ist im Grunde irreführend. Unterschiedliche Autoren mit unterschiedlichen analytischen und politischen Akzenten bildeten diese heterogene Strömung. Anhand welcher Kriterien die verschiedenen Dependencia-Autoren voneinander zu unterscheiden sind, darüber herrscht Uneinigkeit. Verkürzt gesagt, kamen in den Debatten zwei geistige Traditionen zum Tragen: das marxistische, kapitalismuskritische Element und das eher in der Tradition der CEPAL stehende strukturalistische. Ersteres verbindet sich mit einem expliziten und radikalen politischen Anspruch, Letzteres verbleibt bei der Analyse ökonomischer Strukturen und weiß kein klares politisches Projekt zu benennen.

Für diese (verkürzte) duale Darstellungsweise werden Andre Gunder Frank einerseits und Fernando Henrique Cardoso andererseits immer wieder stellvertretend genannt.

 down 5.2.1 Cardoso und Falleto – die gemäßigt strukturalistische Variante der Dependencia
 down 5.2.2 Andre Gunder Frank – die radikal-politische Strömung der Dependencia
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