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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 5 Lateinamerika im Weltsystem – Zwischen Dependencia und Dissoziation
 up 5.1 Die Comisión Económica para América Latina (=CEPAL)

5.1.4 Prebisch und Singer – zwei prägende Ökonomen des CEPALismo

Bei der Antwort auf die Frage "Warum Unterentwicklung?" stellten die Vertreter des CEPALismo zwei gängige Paradigmen der klassischen Ökonomie in Frage:

1.) Erstens plädierten sie für eine historische Perspektive. Damit stellten sie sich gegen die Vorstellungen der Modernisierungstheorien, die Entwicklung als ahistorischen Prozess betrachteten, der jederzeit nachholbar wäre: Im Gegensatz dazu betonten die Vertreter des CEPALismo die Bedeutung der strukturellen Unterordnung Lateinamerikas seit der Kolonialzeit.

2.) Zweitens stellte Raúl Prebisch die klassisch-liberale Außenhandelstheorie in der Tradition von David Ricardo (1772–1823) in Frage. Dieser Theorie zufolge sei Handel immer dann für beide Länder vorteilhaft, wenn jedes Land sich auf jene Güter spezialisiert, die es relativ am kostengünstigsten produzieren kann (der sog. komparative Kostenvorteil).

Für seine Kritik brachte Prebisch zwei Elemente ein: Das Zentrum-Peripherie-Modell und die sich verschlechternden Austauschverhältnisse (terms of trade) zwischen Zentrum und Peripherie:

"Unter Zugrundelegung des Zentrum-Peripherie-Modells stellte Prebisch die These auf, der Handelsaustausch zwischen Industrie- und Entwicklungsländern verlaufe ungleich mit dem Ergebnis, daß vor allem die Länder des Zentrums davon profitierten. Ausschlaggebend dafür seien die terms of trade, die Austauschbeziehungen, die sich über längere historische Zeiträume hinweg zu Ungunsten der Peripherie entwickelt hätten. Prebisch entwickelte geradezu eine Theorie der ‚säkularen Verschlechterung der terms of trade , derzufolge die Preise der exportierten tropischen Rohstoffe langfristig fallen, während gleichzeitig die Preise für den Import industrieller Fertiggüter steigen, so daß sich die realen Austauschverhältnisse für die Entwicklungsländer ständig verschlechterten."

(Bernecker, Walther L.: Der "Cepalismo": Eine regionale Wirtschaftstheorie und Entwicklungsstrategie. In: http://www.orient.uni-erlangen.de/kultur/papers/berneck.htm (13.01.03))

Zeitgleich hatte der Ökonom Hans Werner Singer einen ähnlichen Zusammenhang zwischen dem Preisverfall der in den Entwicklungsländern produzierten Primärgüter und dem Preisanstieg der in den Industrieländern produzierten Fertiggüter beschrieben. Deswegen firmiert das Theorem der "säkularen Verschlechterung der terms of trade" auch unter dem Namen Prebisch-Singer-These (=PST).

Daneben steht die Prebisch-Singer-These auch für eine allgemeine (autozentrierte) entwicklungspolitische Doktrin. Diese Doktrin ist weitgehend von den Vorstellungen des Ökonomen John Maynard Keynes beeinflusst. Für Lateinamerika strebten Prebisch und Singer eine Entwicklung nach westlichem Vorbild an.

Der Faktor Produktivität galt für sie als nahezu ausschließlicher Maßstab für Entwicklung. In der Ursachenerklärung für die Unterentwicklung Lateinamerikas lassen sich jedoch kritische Elemente gegenüber den Industrieländern ausmachen.

 down 5.1.4.1 Raúl Prebisch - Biographie
 down 5.1.4.2 Hans Werner Singer - Biographie
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