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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 5 Lateinamerika im Weltsystem – Zwischen Dependencia und Dissoziation
 up 5.1 Die Comisión Económica para América Latina (=CEPAL)

5.1.3 Die inhaltlichen Vorschläge des CEPALismo

Der CEPALismo ist – dem politischen Selbstanspruch entsprechend – Entwicklungstheorie und konkretes wirtschaftliches Entwicklungskonzept zugleich.

Der CEPALismo formulierte Reformstrategien, die sich grundsätzlich an einer Emanzipationsvorstellung orientierten. Unterentwicklung sollte jedoch innerhalb des Rahmens des bestehenden kapitalistischen Weltsystems überwunden werden. Sozial-revolutionäre und systemüberwindende Ideen, wie sie späterhin von einigen Vertretern der Dependencia-Schule vorgebracht wurden (z. B. Andre Gunder Frank), waren nicht Bestandteil des CEPALismo.

Die Reformvorschläge der Comisión Económica para América Latina (=CEPAL) zielten ab auf:

  • Beschleunigung und Vertiefung der importsubstituierenden Industrialisierung der 1930er und 1940er Jahre
  • Förderung struktureller Veränderungen im Innern der lateinamerikanischen Volkswirtschaften:
    • Agrarreform
    • Diversifizierung der Produktionsstruktur und der Konsumgüter
    • Exportförderung, vor allem Ausweitung des Marktes

Die Betonung der Agrarreform wies auf die größte strukturelle Erblast der Staaten Lateinamerikas hin: Die Landkonzentration, die Vertreibung kleinbäuerlichen Familien vom Land, der Landhunger verarmter Unterschichten sowie die Herausbildung eines Latifundium-Minifundium-Komplexes mit semi-proletarischen Landarbeitern. Das Ziel der Exportförderung mag angesichts der tendenziell eher autozentrierten Konzepte der CEPAL überraschen. Zu den Entstehungsbedingungen der CEPAL gehörte allerdings auch die Tatsache, dass die Wiederanknüpfung Lateinamerikas an eine Weltmarktanbindung wie vor der Weltwirtschaftskrise nicht gelungen war. Dies war zum Teil auf das neue Welthandelsregime unter der Vorherrschaft der USA zurückzuführen, welches die internationalen Handelsströme um die Achse USA-Europa zu konzentrieren trachtete.

Gesamt besehen stand der CEPALismo jedoch für den Abschied vom liberalen exportorientierten Wirtschaftsmodell (dem desarrollo hacia fuera). Er verlieh der seit den 1930er Jahren verfolgten autozentrierten Entwicklung (desarrollo hacia adentro) ihr theoretisches Fundament.

Das Ziel der CEPAL-Reformen war eine soziale Marktwirtschaft. In diesem Sinne ist der CEPALismo eine lateinamerikanische und eklektische Variante des Keynesianismus.

In Bezug auf die politischen Akteure schloss die CEPAL an die klassenübergreifenden und nationalistisch-konsensualen Vorstellungen der lateinamerikanischen Populismen an. Waren dort die Vorstellungen noch diffus, systematisierte die CEPAL die Idee des gesellschaftlichen Schulterschlusses unter dem Zeichen der Modernisierung. Dabei waren drei Akteure von besonderer Wichtigkeit: die Unternehmer, die Arbeiterklasse und der Staat.

"Das Konzept sollte durch eine Dreierallianz realisiert werden: Einheimische Unternehmer (die vielzitierte ‚nationale Bourgeoisie ), denen man hinter einer protektionistischen Zollmauer angemessene Profitraten in Aussicht stellte, schlossen sich mit der organisierten Arbeiterschaft, der Beschäftigung und steigende Löhne versprochen wurde, unter der Führung eines interventionistischen Staates zusammen, der wiederum die erforderlichen Marktbedingungen und die notwendige Infrastruktur schuf; erforderlichenfalls würde er auch selbst in die Industrie investieren, wenn die Privatinitiative nicht ausreichte. Explizit zurückgewiesen wurde das alte, aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert stammende Modell eines Wachstums auf der Grundlage des Exports von Primärgütern (desarrollo hacia afuera – ‚Wachstum nach außen ).

Dies war eine Art sozialdemokratisches Konzept, demzufolge die organisierte Arbeiterschaft und die Linke insgesamt in ein demokratisches System eingebunden sein würden. Und unabhängig von allen fortbestehenden Problemen im Arbeits- und Sozialbereich würde es über das Modell der ‚importsubstituierenden Industrialisierung eine Art Klassenkompromiß geben, der eine kontinuierliche Entwicklung gewährleisten sollte."

(Bernecker, Walther L.: Der "Cepalismo": Eine regionale Wirtschaftstheorie und Entwicklungsstrategie. In: http://www.orient.uni-erlangen.de/kultur/papers/berneck.htm (13.01.03))

Während viele der konkreten Reformvorschläge auch aus der europäischen Wirtschaftsdiskussion der Nachkriegszeit bekannt sind, leisteten die Vertreter der CEPAL vor allem bei der Antwort auf die Frage "Woher kommt die Unterentwicklung?" theoretische Pionierarbeit. Säulen dieser theoretischen Arbeit sind das Zentrum-Peripherie-Modell und die ungleichen Austauschverhältnisse zwischen Zentrum und Peripherie. Diese Prioritätensetzung knüpfe an die beiden Ökonomen Raúl Prebisch und Hans Walter Singer an.

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