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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 5 Lateinamerika im Weltsystem – Zwischen Dependencia und Dissoziation
 up 5.1 Die Comisión Económica para América Latina (=CEPAL)

5.1.1 Die Entstehungsbedingungen der CEPAL

Die unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise entstandene neue Wirtschaftspolitik in Lateinamerika stand unter folgenden Prämissen: Die Verfolgung einer importsubstituierenden Industrialisierungsstrategie, die Durchsetzung sozialer Reformen sowie die Ausrichtung auf eine autozentrierte Entwicklung. Lateinamerika war ungewollt durch die Weltwirtschaftskrise teilweise vom Weltmarkt dissoziiert worden. Damit befand sich der Kontinent bis 1945 politisch und ökonomisch im "Auge des Orkans" – die USA und die verschiedenen Mächte Europas waren auf sich selbst konzentriert.

Die mit der autozentrierten Ausrichtung einhergehenden populistischen Regime in Lateinamerika (Perón in Argentinien, Cárdenas in Mexiko, Vargas in Brasilien etc.) betrachteten sich im Zweiten Weltkrieg jedoch als Teil der Alliierten – 1941 erklärten die meisten Länder Lateinamerikas Deutschland den Krieg. Das Zögern mancher Länder (z. B. Argentinien) spiegelte nicht nur ideologisch-kulturelle Affinitäten wider, sondern auch neu geknüpfte Handelsbeziehungen ab Ende der 1930er Jahre.

Trotz eines binnenorientierteren Wirtschaftsmodells hatten sich in vielen Ländern Lateinamerikas die Handelsexporte wieder stabilisiert (v. a. bei kriegswichtigen Produkten wie Erdöl oder Kautschuk). Die Kombination von binnenorientierter Industrialisierung und der Re-Etablierung der Exporte brachte manche Länder im Jahre 1945 in eine günstige Ausgangssituation: Argentinien z. B. war schuldenfrei geworden, konnte die im britischen Besitz befindlichen Eisenbahnen zurückkaufen, hatte Infrastruktur und Industrie aufgebaut und befand sich auf dem gleichen Entwicklungsniveau wie Kanada. Der Weg schien frei für einen fortgesetzten Modernisierungsschub.

Die Handels- und Wirtschaftspolitik der USA während und nach dem Zweiten Weltkrieg schuf für Lateinamerika jedoch unvorteilhafte Rahmenbedingungen: In den 1930er Jahren und während des Weltkrieges hatten die USA eine Handelsoffensive gegenüber Lateinamerika gestartet, die darauf abzielte, Deutschland und Japan vom lateinamerikanischen Markt fern zu halten. Während die USA immer stärker auf Freihandel und privates Unternehmertum drängten, setzten sich die lateinamerikanischen Staaten vehement für Wirtschaftshilfen aus dem Norden, für Protektionismus und Beibehaltung staatlicher Unternehmen ein.

Die Finanzhilfe an Lateinamerika wurde weitgehend eingestellt, 1946–1950 betrug sie nur noch 2 % der gesamten US-Auslandshilfe.

Der fehlende Zugang zum Kapital erwies sich in den Nachkriegsjahren als zentrales Problem der lateinamerikanischen Länder, die am Nachkriegsaufschwung teilhaben wollten.

Die schwierige wirtschaftliche Lage Lateinamerikas unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich aus verschiedenen inneren und äußeren Elementen zusammen: An der Außenseite wirkten der erschwerte Zugang zu Kapital und die nicht erfolgte Wiederanbindung an den europäischen Exportmarkt behindernd. Auf der Innenseite wirkten nicht gelöste Strukturfragen (z. B. die Agrarfrage), der Kapitalmangel und die fehlende Diversifizierung der Produktion einem Modernisierungsschub entgegen. Vor diesem Hintergrund nahm ab 1948 die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika ihre Arbeit auf.

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