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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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Lateinamerika im Weltsystem – Zwischen Dependencia und Dissoziation

Die Weltwirtschaftskrise hatte in Lateinamerika tiefgreifende Wirkungen. Lateinamerika, das seit der Zweiten Conquista des 19. Jahrhunderts als Primärgüterlieferant aufgetreten war, wurde aus dem Weltmarkt regelrecht hinausgestoßen – mit einem Wort von außen teilweise dissoziiert. Dies führte zu einer schrittweisen Abkehr vom bis dahin dominanten exportorientierten Wirtschaftsmodell und zur Herausbildung einer neuen, binnen- und industrialisierungsorientierten Wirtschaftspolitik. Getragen wurden dieser Wandel von populistischen Regimen, welche die Herausforderung durch, teils massive, soziale Bewegungen zu beantworten wussten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und mit dem beginnenden globalen Wirtschaftsaufschwung kam es zu einer bis dahin im Westen nicht geführten Debatte. Der Begriff Entwicklung machte die Runde. Harry S. Truman erklärte in seiner Inaugural-Rede im Jänner 1949, dass 4/5 der Welt unterentwickelt seien. Alle Länder sollten den Entwicklungsstatus der USA als Zielhorizont betrachten, die westliche Welt sollte Maßnahmen treffen, diesen Prozess zu beschleunigen. Damit war ein neuer Zweig der politischen und wissenschaftlichen Diskussion eröffnet. Die Frage nach dem Wie und Wohin von Entwicklung wird seitdem von unterschiedlichsten Strömungen auf die verschiedene Weise beantwortet.

Die Diskussionen der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (Comisión Económica para América Latina [=CEPAL]) und die verschiedenen Strömungen der Dependencia-Schule tragen zu dieser Entwicklungsdiskussion bei. Es handelt sich dabei (abgesehen von den heute vergessenen entwicklungspolitischen Diskussionen in der Sowjetunion der 1920er Jahre) um eine der wenigen nicht-westlichen Theoriebeiträge zu diesem Thema. Darüber hinaus ist die Dependencia der einzige Theorieexport aus Lateinamerika, der weltweit und nachhaltig rezipiert wurde.

Nach dem Stalinisierungsprozess hatte sich die Entwicklungsvorstellung zuerst in der Sowjetunion und folglich in den real-sozialistischen Ländern auf die Erreichung nachholender Industrialisierung und Modernisierung nach westlichem Vorbild reduziert. Waren die Früchte dieser nachholenden Entwicklung auch egalitärer verteilt – Themen wie fortdauernde Entfremdung, demokratische Partizipation, Mensch-Natur-Beziehung, historisch gewachsene strukturelle Deformationen in der Ökonomie, gerechte internationale Austauschverhältnisse etc. waren nicht mehr Teil der offiziellen marxistisch-leninistischen Diskussion.

Während die CEPAL einen reformorientierten und eklektischen Zugang zur Frage "Warum Unterentwicklung und wie sie überwinden?" entwarf, belebte die Mitte der 1960er Jahre entstandenen Dependencia-Theorien das marxistische Erbe neu. Den weitreichendsten Horizont in den inhaltlich heterogenen Dependencia-Theorien bildete die Forderung nach einer sozialen Revolution und der vollständigen Dissoziation (Abkoppelung) vom Weltmarkt.

Dieser Abschnitt versucht sich dem Thema Lateinamerika im Weltsystem vor allem theoriegeschichtlich zu nähern. Die Comisión Económica para América Latina (=CEPAL) und die Dependencia-Schulen stehen dabei im Zentrum.

 down 5.1 Die Comisión Económica para América Latina (=CEPAL)
 down 5.2 Die Dependencia-Schule
 down 5.3 Immanuel Wallerstein und die Weltsystemtheorie – die Erweiterung zum globalen Blick
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