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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 3 Die Weltwirtschaftskrise "1929" in Lateinamerika und die Herausbildung des Populismus
 up 3.2 Die Weltwirtschaftskrise in Lateinamerika

3.2.3 Politische Krisenfolgen – Herausbildung des Populismus

Populismus ist ein durchaus vager Begriff mit verschiedenen Bedeutungen: Faschismus und Nationalsozialismus enthalten genauso populistische Elemente wie der Peronismus, der Cardenismus oder der so genannte Militärsozialismus in Bolivien.

Mit dem Aufstieg des Populismus wurden die Exportoligarchien abgelöst. Neue Akteure betraten die politische Bühne. Nicht selten handelte es sich dabei um Emporkömmlinge aus den mittleren Offiziersreihen. Mit ihnen vollzog sich im Staatsapparat teilweise ein Elitewechsel.

Die zentrale Frage jedes populistischen Regimes lautet: Welche Gruppe bildet die Basis, wer steht hinter der jeweiligen Partei oder Militärdiktatur?

Für Christian Suter trägt der lateinamerikanische Populismus folgende Merkmale:

  • "Anrufung an das Volk und Artikulation eines Eliteantagonismus
  • Schließung klassenübergreifender Allianzen zwischen massenbasierten Gruppen aus den Mittel- und Unterschichten und Elitegruppen
  • Charismatische Führerfiguren"
(Suter, Christian: Weltwirtschafts- und Globalisierungskrise in Lateinamerika. Ursachen, Folgen, Überwindungsstrategien. In: Peter Feldbauer/Gerd Hardach/Gerhard Melinz (eds.) (1999): Von der Weltwirtschafts- zur Globalisierungskrise (1929–1999). Wohin treibt die Peripherie? (=HSK 15 Internationale Entwicklung). Brandes & Apsel/Südwind: Frankfurt a. M./Wien: 155)

Von entscheidender Bedeutung bei der Herausbildung des Populismus war der Druck der Land- und Industrieproletarier, der unteren Mittelschichten und der Kleinbauern. Ihre Mobilisierungen im Zuge der Weltwirtschaftskrise stellten die gesellschaftliche Ordnung in Frage und erzwangen eine politische Reaktion. Populistische Regime verstanden es, diese Gruppierungen zu organisieren und gesellschaftlich zu integrieren. Durch Reformen konnten die populistischen Machthaber substantielle Verbesserungen erreichen, durch die Bildung von staatstreuen oder para-staatlichen Gewerkschaften und Bauernverbänden wurde das sozialrevolutionäre Potenzial dieser Bewegungen abgefangen. Damit ging die Herausbildung eines klientelistischen Verteilungssystems einher. Gruppen und Bewegungen, die sich dieser Integration nicht beugten und staatlich nicht gebilligte Streiks und Proteste organisierten, begegneten die populistischen Machthaber unvermindert mit scharfer Repression. Den unteren Klassen der Gesellschaft wurde im Populismus einmal entgegengekommen, einmal entgegengetreten.

Ideologisch ist der Populismus – wie jeder Nationalismus – diffus und eklektisch. Er versucht den jede kapitalistische Gesellschaft prägenden Klassenantagonismus durch einen gesellschaftlichen Schulterschluss zu entschärfen. Ein wortradikaler Anti-Imperialismus paarte sich oft mit einem virulenten Anti-Kommunismus (vor allem mit Beginn des Kalten Krieges). Die Präsenz von sozialistischen Diskursen stand in offenem Widerspruch zur tatsächlichen Politik des Populismus, die nicht auf Gesellschaftstransformation ausgerichtet war.

Die Reformen und sozialpolitischen Maßnahmen erbrachten nichtsdestoweniger konkrete Verbesserungen für Millionen Frauen und Männer in Lateinamerika. Dazu gehörten Landreformen, die Einführung von Arbeitsgesetzgebungen, die Preissubventionierung von Gütern des täglichen Bedarfs, die Verstaatlichung von ausländischen Unternehmen und später auch von Banken, der Aufbau von Staatsbetrieben sowie von öffentlichen Bildungs- und Gesundheitssystemen.

 down 3.2.3.1 Populistische Regime in Südamerika – Brasilien, Bolivien und Paraguay
 down 3.2.3.2 Populistische Regime in Südamerika – Peru, Chile, Venezuela und Argentinien
 down 3.2.3.3 Populistische Regime in Mexiko, Zentralamerika und der Karibik
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