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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 3 Die Weltwirtschaftskrise "1929" in Lateinamerika und die Herausbildung des Populismus
 up 3.2 Die Weltwirtschaftskrise in Lateinamerika

3.2.2 Ökonomische Überwindungsstrategie – der Beginn der Binnenorientierung

Mit der Weltwirtschaftskrise kam es in Lateinamerika zu einem tiefgreifenden und nachhaltigen Wandel der wirtschaftlichen Orientierung.

Aus der Zweiten Conquista des 19. Jahrhunderts heraus hatte sich ein exportgeleitetes Wachstumsmodell entwickelt. Träger dieses Wachstumsmodells waren die nationalen Oligarchien einerseits und das Auslandskapital andererseits. In Lateinamerika dominierte im 19. Jahrhundert britisches Auslandskapital, im 20. Jahrhundert – parallel zum globalen Hegemoniewechsel im Weltsystem – US-amerikanisches. Dabei kam es in manchen Ländern auch zu einer Ablöse der Export-Güter. Diese Verlagerungen orientierten sich an der veränderten Nachfrage am Weltmarkt. In Brasilien z. B. löste der Kaffee im 19. Jahrhundert den Zucker als wichtigstes Cash-Crop ab. In Peru kam es um 1890 zu einem Umstieg von Bergbauprodukten (Salpeter, Guano) auf den Agrarexport (Zucker, Wolle, Gummi). Dieses außenorientierte Wachstumsmodell bedurfte eines "schwachen" Staates. Der Begriff schwacher Staat bezieht sich vor allem auf die gesellschafts- und wirtschaftspolitische Eingriffsfähigkeit – die Repressionsfunktion des Staates gegenüber den unterprivilegierten Klassen bleibt dabei durchaus intakt.

Die Weltwirtschaftskrise ließ Lateinamerika teilweise aus dem Weltmarkt kippen. Durch diesen erzwungenen Rückzug aus dem Weltmarkt setzte sich ein neues Wirtschaftsmodell durch: die Importsubstituierende Industrialisierung (=ISI). Diese zielte auf den Aufbau eines Industriesektors ab, welcher die Ersetzung importierter Konsumgüter durch einheimische Produkte ermöglichen sollte. Diese Wirtschaftspolitik basierte auf einem "starken", das heißt wirtschaftspolitisch aktiveren Staat. Der Aufbau der Industrie wurde durch Verstaatlichungen ausländischer Unternehmen, den Aufbau von Staatsbetrieben und die Einführung von Planungsinstanzen ermöglicht. Vor allem jene Staaten, die über das wichtigste (und industrialisierungsträchtigste) Primärgut des 20. Jahrhunderts verfügten – Erdöl – konnten diese Strategie mit schnellen Erfolgen umsetzen. Aufgrund der hohen Nachfrage nach Erdöl im Zweiten Weltkrieg erzielten Länder wie Mexiko oder Venezuela respektable Einnahmen.

Eng verbunden war diese neue Wachstumsstrategie mit einer spezifischen Herrschaftsform: dem Populismus.

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