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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 3 Die Weltwirtschaftskrise "1929" in Lateinamerika und die Herausbildung des Populismus
 up 3.2 Die Weltwirtschaftskrise in Lateinamerika

3.2.1 Ursachen und Effekte der tiefen Krise in Lateinamerika

1.) Krisenursachen

Die Ursachen der besonderen Tiefe und Länge der Weltwirtschaftskrise in Lateinamerika sind eng mit den Charakteristika des seit dem 19. Jahrhundert dominanten Wirtschaftsmodells verbunden – der elitebasierten exportgeleiteten Wachstumsstrategie. Dieses Modell war von folgenden Faktoren abhängig:

a.) Von Auslandsinvestitionen und internationalen Krediten

Die Überschuldung der meisten lateinamerikanischen Staaten rührte von den spekulativen Zügen des vorangegangenen Booms her. Mit der Weltwirtschaftskrise versiegten die internationalen Kredite. Umschuldungsdarlehen konnten nicht mehr finanziert werden. Der Kreditmangel führte zu einem Investitionsstopp.

b.) Von der Absetzbarkeit der Primärgüter am Weltmarkt

Die Weltwirtschaftskrise führte zu einem drastischen Preisverfall bei den meisten Rohstoffen. Dies brachte stagnierende bzw. fallende Exporterlöse mit sich; mit einem Wort verschlechterten sich die Terms of Trade für Produkte aus Lateinamerika massiv. Das einzige relativ nachfragestabile Primärgut, das in den Zentren weder verzichtbar war noch durch andere Produkte ersetzt werden konnte, war Erdöl. Doch bei diesem Produkt waren die Erträge für die Länder Lateinamerikas in der Zeit vor der Verstaatlichung der Erdölindustrien äußerst gering.

c.) Von der Fähigkeit des Staates, die neu entstandenen sozialen Klassen (Industriearbeiterschaft) durch Repression ruhig zu halten

Da die Krisenfolgen auf die Masse der Bevölkerung abgewälzt wurden, kam es zu einer Explosion sozialer Bewegungen, sodass sich die Wirtschaftskrise zu einer tiefen politischen Krise auswuchs.

2.) Die Kriseneffekte

Die Kriseneffekte lassen sich direkt von den Krisenursachen ableiten. Die Weltwirtschaftskrise äußerte sich in folgenden Teilkrisen:

a.) Schuldenkrise

Spekulative Kreditbooms mit darauffolgenden Finanz- und Schuldenkrisen hatten die lateinamerikanischen Staaten seit ihrer Unabhängigkeit im frühen 19. Jahrhundert wiederholt getroffen.

Die Schuldenprobleme häuften sich um 1930. Den Höhepunkt stellte das Jahr 1933 dar, als 14 Länder ihre Zahlungsunfähigkeit erklärten. Darauf kam es de facto zu einem Schuldenmoratorium (dem Aussetzen des Schuldendienstes für ein gewisse Zeit). Dies ist ein prägnanter Unterschied zur lateinamerikanischen Schuldenkrise seit den 1980er Jahren. In dieser zweiten Schuldenkrise versuchte nur der peruanische Präsident Alan García (1985–1990) ein Moratorium zu erwirken.

b.) Außenhandelskrise

In den 1930er Jahren gingen die Exporterlöse im Schnitt um zwei Drittel zurück.

Erst ab 1940 erhöhte sich der Exportumfang wieder. Neben den USA versorgte auch Lateinamerika Europa während des Krieges mit Primärgütern.

c.) Wachstumskrise

Vor dem Hintergrund des enormen Wachstumsprozesses der lateinamerikanischen Volkswirtschaften in den Jahren davor, lässt sich für die 1930er Jahre ein merklicher Einbruch erkennen. Darüber hinaus darf nicht vergessen werden, dass in einer kapitalistischen Ökonomie bereits ein so genanntes Null-Wachstum eine Krise bedeutet. Die Wachstumsnotwendigkeit des Kapitalismus folgt aus seinem Zwang zur Akkumulation.

Inwieweit wirtschaftliches Wachstum mit allgemeinem Wohlstand in Verbindung gebracht werden kann, ist zudem äußerst fraglich. Das betrifft sowohl die (in Lateinamerika bis heute sehr ausgeprägte) ungleiche Einkommensverteilung als auch den Bereich der Subsistenzökonomien. Die Menschen ihrer eigenen Subsistenzmittel zu berauben, ist eine Grundvoraussetzung jeder kapitalistischen Ökonomie. Besteht ein solcher Subsistenzbereich, wird er politisch und statistisch negiert. Darüber hinaus sieht er sich durch die Akkumulationsdynamik mit der ständigen Gefahr konfrontiert, dieser Dynamik unterworfen und durch sie aufgelöst zu werden. Wachstum bedeutet daher für die Menschen in vielen Gebieten Lateinamerikas, dass sie aus ihren traditionellen ökonomischen Strukturen herausgezwungen werden. Typische Kennzeichen dieses Prozesses sind in Lateinamerika die Landkonzentration, die Verdrängung von Kleinbauern in Randlagen und die Landflucht. Dass diese Menschen von der kapitalistischen Industrie nicht als Arbeitskräfte absorbiert werden können, beweisen Massenarmut, Slums sowie das Florieren des sogenannten informellen Sektors.

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