Lateinamerika gehörte als Exporteur von Primärgütern (Cash-Crops, Bodenschätzen) zu den von der Weltwirtschaftskrise am meisten betroffenen Regionen der Erde. Mit der Zweiten Conquista war es im 19. Jahrhundert als Primärgüterlieferant in den Weltmarkt stark eingebunden worden. Vorangetrieben wurde diese Einbindung von den nationalen Oligarchien und vom Auslandskapital. Mit der Weltwirtschaftskrise wurde Lateinamerika aus diesem Weltmarkt regelrecht herausgestoßen.
Damit wurden die Strukturprobleme des bis dahin dominanten liberalen Entwicklungs- und Gesellschaftsmodells offensichtlich. Dieses Modell gründete sich auf eine elitebasierte exportgeleitete Wachstumsstrategie. Die lateinamerikanischen (Agrar-)Oligarchien, die dieses Modell stützten, begriffen Wachstum nicht als nationalökonomischen Gesamtprozess, sondern reduzierten es auf den Export von Cash-Crops und Bodenschätzen (Kaffee, Kautschuk, Sisal, Zucker, Erdöl etc.). Diese Wachstumsstrategie verhinderte den Ausbau eines Binnenmarktes und die Bildung einer unternehmerischen Mittelschicht. Unter dieser Mittelschicht kann jene Gruppe von small producers oder petty capitalists verstanden werden, die als Handwerker, Zulieferer und spezialisierte Mittelindustrielle ein wichtiges Element jedes Binnenmarktes bilden. Diese Bereiche erfuhren keine Förderung und wurden sowohl sozial als auch politisch nicht integriert. Die daraus entstandene strukturelle Verzerrung der lateinamerikanischen Ökonomien, v. a. ihre Exportorientierung, waren für das Ausmaß und die Dauer der Krise verantwortlich.
Die Weltwirtschaftskrise bedeutet für Lateinamerika
- Schuldenkrise
- Außenhandelskrise
- Wachstumskrise
- politische Krise (Herausforderung durch soziale Bewegungen)
Neben den Krisenursachen und Kriseneffekten sind vor allem die Überwindungsstrategien und politischen Krisenfolgen von besonderem Interesse. Die Hinwendung zu einer binnenorientierten, importsubstituierenden Industrialisierungsstrategie legte den Grundstein für den Modernisierungsboom Lateinamerikas während des Zweiten Weltkriegs und danach. Die damit einhergehenden populistisch-nationalistischen Regime konnten die radikalen Ansprüche des organisierten Industrieproletariats abfangen und so für hohe politische Stabilität sorgen. Die Erinnerung an dieses Modell, an diese Regime und an die von ihnen erreichten sozialen Verbesserungen ist bis heute (positiv verklärter) Teil des kollektiven Gedächtnisses der unterprivilegierten Klassen in diesen Ländern.
Die Weltwirtschaftskrise erschütterte das exportorientierte Wachstumsmodell so nachhaltig, dass man von einem Ende der Zweiten Conquista sprechen kann. |