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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 2 Die "Zweite Conquista" – Lateinamerika und seine Die "Zweite Conquista" - Lateinamerika und seine Commodities
 up 2.4 Erdöl in Lateinamerika

2.4.4 Erdöl als Motor nachholender Entwicklung nach 1949

In den Erdöl produzierenden Ländern Lateinamerikas wurde dieser Rohstoff zur Triebfeder nachholender Modernisierung nach 1949.

1.) Mexiko

Auch der Modernisierungsboom in Mexiko von 1949 bis 1982 konnte sich nur auf der Grundlage von petrodollars vollziehen. Bei petrodollars handelt es sich um amerikanische Währung im Besitz der Erdöl produzierenden Staaten, die auf dem internationalen Markt angelegt wird. Diese Petrodollars entstehen aus den Überschüssen der Erdöl exportierenden Länder und den Defiziten der Erdöl importierenden Länder.

Unter dem Präsidenten José López Portillo (1976–1982) kam es zum letzten größeren Erdölboom in Mexiko. López Portillo baute vor allem die Erdölförderung im Golf von Mexiko aus, um größere wirtschaftliche Unabhängigkeit von den USA zu erreichen. Der ökonomische Spielraum ermöglichte es ihm, die mexikanische Abgeordnetenkammer zu Gunsten der Opposition zu reformieren. Der Beginn der Schuldenkrise in Mexiko 1982 signalisierte das Scheitern der nachholenden Modernisierung.

2.) Venezuela

In Venezuela schuf der Ölboom der Nachkriegsjahrzehnte, besonders jener der 1970er Jahre, die Grundlage für eine Demokratisierung des politischen Systems.

Nach jahrzehntelangen Diktaturen errang im Dezember 1968 Rafael Caldera Rodriguez einen knappen Wahlsieg. Caldera trat sein Amt im März 1969 an. Damit war zum ersten Mal in der 140-jährigen Geschichte Venezuelas die Macht friedlich an die Opposition abgetreten worden. Rafael Caldera verfolgte eine Politik der Verstaatlichung ausländischer Unternehmen, die von seinem Nachfolger Carlos Andrés Pérez konsequent fortgesetzt wurde. Pérez, seit 1974 im Präsidentenamt, verstaatlichte 1975 die Eisen- und Stahlindustrie, 1976 die Erdölindustrie. Darüber hinaus trat Venezuela 1973 dem fünf Jahre zuvor gegründeten Andenpakt bei. Der Andenpakt war bis dahin eine Vereinbarung über wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Chile, Kolumbien, Peru, Ekuador und Bolivien.

Unter Carlos Andrés Pérez etablierte sich ein klientelistisches Verteilungssystem. Pérez, der in Venezuela nach seinen Initialen CAP genannt wird, ist eine der langlebigsten und wendigsten Politiker der venezolanischen Nachkriegsgeschichte: Er wandelte sich vom Erdöl-Verstaatlicher in den 1970er Jahren zum Vollstrecker der IWF-Vorgaben zu Beginn der 1990er Jahren. Die durch Ölpreissteigerungen der 1970er Jahre enorm gestiegenen Öleinnahmen wurden über Parteien, Staatsapparat und Gewerkschaften an die venezolanische Gesellschaft verteilt. Obwohl dabei einige Sozialreformprogramme finanziert wurden, begünstigten diese Mehreinnahmen nur einen Teil der venezolanischen Gesellschaft. Bis heute ist Venezuela eines der Länder mit der höchsten Ungleichheit in der Einkommensverteilung.

Das Ende der Öl-Bonanza und die Schuldenkrise der 1980er Jahre ließen auch in Venezuela die nachholende Modernisierung abreißen. Im Jahre 1989 brach eine offene Finanzkrise aus. Unter den Vorgaben der internationalen Finanzinstitutionen kündigte die Regierung strikte Sparmaßnahmen an. Dies führte im Februar 1989 zu einer spontanen Volkserhebung, dem so genannten Caracazo. Jene Offiziere, die unter der Leitung von Hugo Chávez im Februar 1992 einen Putschversuch unternahmen, versuchten bewusst an die politischen Forderungen des Caracazo anzuknüpfen. Damals wie heute steht dabei die Frage im Zentrum, wem in der venezolanischen Gesellschaft die Einnahmen aus den Ölexporten zugute kommen sollen.

 down 2.4.4.1 Venezolanisches Erdöl: Die vermeintliche Petrobonanza
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