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Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
a.o. Univ. Prof. Martina Kaller-Dietrich und Mag. David Mayer
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 2.4 Erdöl in Lateinamerika
 up 2.4.3 Die Erdölproduktion in Venezuela in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

2.4.3.3 Militärdiktatur und nationalistische Politik

Die Geschichte Venezuelas seit der Unabhängigkeit kann als Abfolge von Militärdiktaturen zusammengefasst werden. Diese Militärdiktaturen fühlten sich einer nationalistischen Ideologie verpflichtet. Im Sinne dieser nationalistischen Ideologie begann die Regierung ab den 1920er Jahren ihre Politik gegen die ausländischen Öltrusts zu richten. Dabei war Venezuela das einzige Land, in dem die Regierung in den 1920er Jahren amerikanische Ölfirmen gegen britische ausspielen konnte.

Diese nationalistische Politik ist eng mit dem Namen Juan Vicente Gómez (1857–1935) verbunden. Gómez regierte seit 1908 als Präsident und herrschte mit zwei Unterbrechungen bis zu seinem Tode, gestützt auf das Militär, als unumschränkter Diktator. Dabei konnte er sich wiederholt auch auf eine soziale Basis in der Industriearbeiterschaft verlassen – besonders auf die Ölarbeiter, die er gesellschaftlich integrierte und durch Zugeständnisse zur einer privilegierten Arbeiteraristokratie machte.

Die Unterstützung für das Industrieproletariat spiegelte sich im 1928 erlassenen Arbeitsgesetz wider, das die Löhne gesetzlich garantierte. Auch Arbeitsinspektorate wurden eingerichtet. Mit diesen Maßnahmen gab Gómez einerseits dem in Streiks und Mobilisierungen aufgebauten Druck der Industriearbeiterschaft nach. Andererseits entzog er den entstehenden Gewerkschaften durch die gesetzliche Festlegung des Lohnes eine der Grundlagen der gesellschaftlichen Macht jeder Gewerkschaft: ihr kollektives Lohnverhandlungsmandat, das die Kräfteverhältnisse zwischen Kapital und Arbeit direkt auf die Probe stellt. Gómez war demnach nicht an starken Gewerkschaften mit politischem Eigengewicht interessiert, sondern an einer mobilisierten Arbeiterschaft, die sich gegen die ausländischen Unternehmen auflehnt und ihre Hoffnungen auf den Staat, d. h. Gómez richtet. Konsequent hatte Gómez damit seine nationalistische Ideologie politisch umgesetzt: Die eigenständige Formulierung von Klasseninteressen durch die Ölarbeiter trat hinter die klassenübergreifende, nationale Einheit von Arbeiterschaft und Staatselite zurück.

Diese Mobilisierung gegen die ausländischen Unternehmen im Ölsektor kam einer symbolischen Exklusion gleich und ließ eine Verstaatlichung als nicht mehr notwendig erscheinen. Tatsächlich wurde die Verstaatlichung erst 1976 vollzogen.

Die Weltwirtschaftskrise von 1930 ließ den Boom in der Erdölindustrie abreißen. Dies verhinderte das weitere Erstarken der Arbeiterschaft und verzögerte die Einrichtung von Gewerkschaften.

Erdöl wurde für Venezuela nach der um 1918 erfolgten Entdeckung reicher Erdölvorkommen die wichtigste Einnahmequelle und versetzte Gómez in die Lage, die Auslandsschulden zurückzuzahlen.

Mit Hilfe von Investitionen aus dem Ausland ließ Gómez zudem ein ausgedehntes Eisenbahn- und Straßennetz errichten.

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