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Brasilien 1889 - 1985
Von der Ersten Republik bis zum Ende der Militärdiktatur
Dr. Ursula Prutsch
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 26 Die Militärdiktatur 1964-1985

26.8 Fernando Henrique Cardoso als Dependenztheoretiker

Der von 1964 bis 1968 im chilenischen Exil lebende und bei der CEPAL arbeitende brasilianische Soziologe und Politikwissenschafter Fernando Henrique Cardoso veröffentlichte mit Enzo Faletto 1969 eines der ersten Bücher zur Dependenztheorie, das die entwicklungspolitische Diskussion der siebziger Jahre mitprägte: "Abhängigkeit und Entwicklung in Lateinamerika" (dt. Frankfurt am Main 1976). Cardoso hatte in den fünfziger Jahren seine Dissertation über "Sklaverei und Kapitalismus im südlichen Brasilien" verfasst. 1968 kam er nach Brasilien zurück, erhielt einen Lehrstuhl an der Universität von São Paulo und gründete 1969 das Forschungsinstitut Centro Brasileiro de Análise e Planejamento (Cebrap), ein bis heute bedeutendes sozialwissenschaftliches Forschungszentrum sowie Sammelpunkt kritischer Intellektueller, das auch von Organisationen wie der Ford-Foundation gestützt wurde.

Sein mit dem chilenischen Soziologen Enzo Faletto verfasstes Buch gilt als eines der komplexesten zur Dependenztheorie, die in den siebziger Jahren als kritischer, auch von marxistischen Theorien beeinflusster Ansatz zu Modernisierungstheorien Bedeutung erlangte. Die Dependenztheorie stellte Entwicklungsoptimismus in Frage. Cardoso und Faletto untersuchten die durch die Einbindung lateinamerikanischer Staaten in kapitalistische Prozesse hervorgerufenen strukturellen Abhängigkeiten (der Zentrum-Peripherie-Diskurs der Weltsystemtheorie fließt hier ein). Den Entwicklungsbegriff reduzieren Cardoso und Faletto nicht auf ökonomische Komponenten, sondern stellen den politischen Charakter von Transformationsprozessen in den Vordergrund. Zudem wehren sie sich gegen Dichotomien, dass Entwicklung immer die Moderne und Unterentwicklung die Traditionen bedeute. Auch Entwicklung und Abhängigkeit stellen für Cardoso keinen Widerspruch dar. Entwicklungsdefizite sind für Cardoso ein Resultat eines komplexen Systems, dass großteils von externen Faktoren (Bindung an den Weltmarkt), aber auch von internen Faktoren abhängt (von Interessensbündnissen heimischer Gruppen, die auch nach außen - durch wirtschaftliche Verflechtungen - über gute Netzwerke verfügen). Dies lässt sich eben sehr gut am Beispiel der Wirtschaftspolitik der brasilianischen Militärs darstellen. Durch starke Berücksichtigung interner historischer und soziopolitischer Faktoren erweist sich Cardosos Ansatz als eine sehr plurikausale Argumentation.

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