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Brasilien 1889 - 1985
Von der Ersten Republik bis zum Ende der Militärdiktatur
Dr. Ursula Prutsch
Institut für Geschichte der Universität Wien
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Der Krieg von Canudos

Die Zerstörung der im Sertão im Staat Bahia gelegenen Stadt Canudos im Jahr 1897 gibt ein Beispiel für die rivalisierenden politischen Konzepte am Beginn der brasilianischen Republik. Das Massaker an den Bewohnern von Canudos wurde überregional durch die literarische Verarbeitung in Euclides da Cunhas Werk "Os Sertões" (1902) (dt.: "Krieg im Sertão") sowie in Mario Vargas Llosas Roman "El guerra al fin del mundo (1981) (dt. "Der Krieg am Ende der Welt" 1987) bekannt.

Anfang der 1890er Jahre erlangte im Sertão der fanatische Wanderprediger Antonio Conselheiro (=Ratgeber), mit wirklichem Namen Antonio Maciel, Popularität, weil er das Evangelium und das nahe Ende der Welt predigte, Dorfkirchen instandsetzte und alle offiziellen Autoritäten ablehnte. Er weigerte sich zudem, Zölle und Steuern zu zahlen. 1893 erreichte er mit seiner Gefolgschaft von Landlosen, entlaufenen Sklaven und vertriebenen Indios nach zwanzigjähriger Wallfahrt das Dorf Canudos. Sie begannen mit dem Bau einer Kirche und der Pflege von Friedhöfen, deren Instandhaltung seit 1889 in der Verantwortlichkeit des Staates lag, was lokale Großgrundbesitzer sowie die katholische Kirche gegen ihn aufbrachte. Canudos wurde Anziehungspunkt für Taglöhner, die von Fazenden geflohen waren; 1895 war es bereits auf 25 000 Einwohner angewachsen. Am 21. November 1896 eröffnete die brasilianische Zentralregierung den Krieg gegen Canudos mit dem Argument, eine monarchistische Sekte beseitigen zu müssen. 12 000 Soldaten aus 18 brasilianischen Bundesstaaten wurden in vier Militärexpeditionen in Marsch gesetzt. Die Waffen für Canudos kamen aus den deutschen Waffenwerken Krupp und vermutlich auch aus den österreichisch-ungarischen Skoda-Werken, die in jenen Jahren ein großes Kontingent von Waffen nach Brasilien exportierten. Nach einem fast einjährigen Widerstand fiel die Stadt am 5. Oktober 1897. Die Bewohnerschaft wurde fast zur Gänze ermordet. Nachrichten des Massakers erreichten auch Europa: Die Berliner "Vossische Zeitung" schrieb am 8. Oktober 1897 auf der ersten Seite: "Die brasilianische Regierung läßt offiziell verkünden, ihre Truppen hätten die Stadt Canudos im Staate Bahia genommen und den Führer der Fanatiker, Conselheiro, gefangen. Bestätigt sich diese Nachricht - und sie tritt diesmal in sehr bestimmter Form auf -, so kann sich die Republik zu dem Erfolge beglückwünschen, denn noch vor wenigen Tagen waren die Regierungstruppen vor Canudos zurückgeschlagen worden. Die sogenannte Fanatikerbande gefährdete ernstlich die Republik, sie stand mit der monarchistischen Partei in engen Beziehungen." (zit. nach da Cunha 2000, S. 757). Bis heute lebt Canudos, an dessen Stelle sich heute ein Stausee befindet, im kollektiven Gedächtnis der Region nördlich von Bahia fort und wird gelegentlich bei religiösen Messen thematisiert.

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