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Brasilien 1889 - 1985
Von der Ersten Republik bis zum Ende der Militärdiktatur
Dr. Ursula Prutsch
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 27 Der Estado Novo 1937-1945
 up 27.2 Immigrationspolitik zwischen Antisemitismus und Akzeptanz

27.2.1 Stefan Zweig im brasilianischen Exil

Haus von Stefan und Lotte Zweig in Petropolis

Prominentester österreichischer Emigrant in Brasilien war Stefan Zweig. Dem weltberühmten Schriftsteller, der 1936 nach dem PEN-Kongress in Buenos Aires kurz in Brasilien gewesen war, wurde ein permanentes Aufenthaltsvisum angeboten. Er brachte insgesamt cirka ein halbes Jahr in Brasilien zu und publizierte 1941 den kulturpolitischen Essay "Brasilien ein Land der Zukunft" (Brasil, país do futuro). Das Buch, das die Auslagen vieler Buchhandlungen in Rio schmückte, wurde vom Vargas-Regime beworben, von einigen brasilianischen Intellektuellen wie Jorge Amado jedoch aufgrund seiner idealisierenden Sichtweise als Auftragswerk angesehen.

Grab von Stefan und Lotte Zweig in Petropolis

Zweig hatte zwar kein Honorar vom Presse- und Propagandadepartement bekommen, jedoch das Angebot der Finanzierung einer Reise nach Pernambuco sowie einen Übersetzer akzeptiert. Lourival Fontes betrachtete das Buch als Dienst an der "Nation." Dass einer der international erfolgreichsten Schriftsteller seiner Zeit dem Land einen gesellschaftspolitischen Persilschein ausstellte, musste der Estado Novo für sich nützen. Viele Zweig-Fans interpretieren den Essay, der den harmonisierenden "Rassenmythos" von Gilberto Freyre aufnahm, als eine Form des "wishful thinking", das mehr als Utopie eines besseren Europa denn als populärwissenschaftliche Darstellung brasilianischer sozialer, politischer und kultureller Gegebenheiten gewertet werden könne. Die Literaturwissenschafterin Susanne Thimann schliesst sich den kritischen Stimmen an, indem sie bemerkt, dass die Zustände im Estado Novo nur auf jemanden wie Zweig magisch gewirkt haben können, der keine Details und inneren Zusammenhänge gekannt habe oder kennen wollte.

Der Selbstmord Stefan Zweigs in der Nacht vom 22. zum 23. Februar 1942 in seinem Haus in Petropolis war nicht nur für die in Brasilien lebenden deutschsprachigen ExilantInnen ein Schock. Diktator Vargas ordnete ihm zu Ehren ein Staatsbegräbnis an. Zweigs Werke werden bis heute - auch aufgrund des Engagements seines brasilianischen Verlegers Koogan - in Brasilien rezipiert (vgl. Prutsch/Zeyringer 1997, vgl. Thimann 1989).

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