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Brasilien 1889 - 1985
Von der Ersten Republik bis zum Ende der Militärdiktatur
Dr. Ursula Prutsch
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 22 Das Projekt eines "Neuen Brasilien" 1930-1937

22.6 Gilberto Freyre und der Mythos der "Rassendemokratie"

Der aus Recife stammende Soziologe und Historiker Gilberto Freyre (1900-1987) galt als junger Starintellektueller der Vargas-Zeit. Im Gegensatz zu vielen anderen Söhnen der Oberschicht hatte er seine Ausbildung nicht in Europa, sondern in den USA (Columbia University) genossen, zudem war er Protestant. Seine Dissertation "Social Life in Brazil in the Middle of the 19th Century" bildete die Grundlage für seine späteren soziologischen, von seinem Lehrer Franz Boas beeinflussten, Arbeiten.

Historische Darstellung:

1926 gründete er in Recife den ersten Regionalistischen Kongress, wo er ein Programm einer an die Gegebenheiten der unterschiedlichen Regionen orientierten, brasilianischen Nationalliteratur aufstellte. Im Laufe der dreißiger und vierziger Jahre entwarf er eine brasilianische Melting-pot-Theorie, die er nach 1945 wenig modifizierte. In seinen Werken beschäftigte er sich mit dem lusitanischen Erbe, den Transfers afrikanischer Kulturelemente durch die SklavInnen aus verschiedensten afrikanischen Staaten sowie dem Kulturtransfer durch europäische und asiatische Einwanderer. Sie hätten aus Brasilien den plurikulturellen Staat schlechthin geformt, der besser als jeder andere Staat in Lateinamerika mit seinen Minderheiten umgehen könne.

1934 organisierte Freyre den ersten Kongress für Afrobrasilianische Studien, bei dem auch Strategien für eine größere Akzeptanz der afrobrasilianischen Religion des Candomblé diskutiert wurden. Die Anthropologen um Freyre brachten die Bedeutung der schwarzen Bevölkerung in Brasilien erstmals intensiv in eine Diskussion ein. Freyres 1933 geprägter Begriff der "ethnischen Demokratie", der egalitäre ethnische Hybridisierung vorgab, jedoch dem typischen Muster kultureller Hierarchien entsprach, bildete einen festen Bestandteil des offiziellen brasilianischen Selbstverständnisses, das auch erfolgreich in die USA exportiert wurde.

Der von Freyre formulierte und dem Selbstbild der Vargas-Jahre entgegenkommende Mythos der "Rassendemokratie" wurde etwa durch Schulbücher bis in die sechziger Jahre tradiert, die vermittelten, dass die SklavInnen in Brasilien im allgemeinen gut behandelt worden seien und dass sie schon in Afrika in Sklaverei gelebt hätten. Der Mythos verhinderte zudem eine kritische Auseinandersetzung mit dem Erbe der ehemaligen Sklavenhaltergesellschaft Brasiliens, wo sich im Gegensatz zur viel rassistischer agierenden Gesellschaft in den USA keine Bürgerrechtsbewegung etablierte. Bis heute präsentieren sich Teile der brasilianische Gesellschaft immer wieder als gewaltlos und konfliktfrei (vgl. Hofbauer 1995, vgl. Freyre 1990).

 down 22.6.1 Gilberto Freyres "Herrenhaus und Sklavenhütte"
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