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Brasilien 1889 - 1985
Von der Ersten Republik bis zum Ende der Militärdiktatur
Dr. Ursula Prutsch
Institut für Geschichte der Universität Wien
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27 Der Estado Novo 1937-1945

Im Jahre 1938 hätte es in Brasilien Wahlen gegeben, nach der Verfassung hätte Vargas aber nicht mehr kandidieren dürfen. Da er sein Nationsbildungskonzept, das die Einbindung der verschiedensten politischen Gruppen und sozialen Schichten verlangte, nur durch seine Person gewährleistet sah, zielte er auf die Etablierung diktatorischer Verhältnisse. Deshalb täuschte er aufgrund von gefälschten Unterlagen eine kommunistische Verschwörung vor (Plan Cohen). Er liess im Oktober 1937 den Kriegszustand ausrufen und am 10. November 1937 den Kongress von der Militärpolizei auflösen. Dieses Datum leitete die Ära des Estado Novo (Neuen Staates) ein. Viele Politiker und Intellektuelle der ersten Phase der Vargas-Regierung - wie Jorge Amado - gingen ins Exil. Der linke Schriftsteller Graciliano Ramos verbrachte die Zeit im Gefängnis.

Am 10. November 1937 setzte Vargas durch einen Staatsstreich die Verfassung von 1934 außer Kraft, verbot alle Parteien und machte sich zum Diktator des Staates. Da Vargas seit Ende 1937 Exekutive und Legislative in seiner Person vereinigte, wurde die brasilianische Rechtspraxis undurchsichtig und willkürlich. Vargas regierte nun mittels Regierungsdekreten. Die Bundesstaaten wurden weiterhin von Interventoren regiert. Die Zentralisierungspolitik erlebte einen weiteren Höhepunkt. In einem symbolischen Akt wurden in Rio de Janeiro alle Flaggen der Bundesstaaten verbrannt (Queima das Bandeiras), damit deren Identität und individuelle Rechte zugunsten einer gesamtbrasilianischen Patriotismus aufgegeben werde.

Die Grundzüge der Verfassung des Neuen Staates wurden von Finanzminister Francisco Campos ausgearbeitet, der sich Anleihen vom portugiesischen gleichnamigen Modell Salazars und beim polnischen Staat holte. Weder kann man das Regime als totalitär, noch faschistisch im Sinne des italienischen Faschismus oder des deutschen Nationalsozialismus bezeichnen, doch sind Gemeinsamkeiten zu katholischen, ständestaatlichen Diktaturen der dreißiger Jahre zu finden: Autoritarismus, Antikapitalismus, Antiparlamentarismus, faschistische Ordnungsvorstellungen, Korporatismus, Versuche der Etablierung einer Massenbewegung, Rassismus. Die Vargas-Regierung reichte nicht in Bereiche des privaten Lebens, verzichtete auf Parteien. Nur ein Teil der Regierungsmitglieder waren Militärs. Bis zur klaren außenpolitischen Orientierung an den USA ab Anfang der 1940er Jahre waren einige Politiker an der Macht, die große Sympathien mit den Regierungen Adolf Hitler und Benito Mussolini hegten: der Polizeipräsident von Rio, Filinto Müller, der Chef des Propagandadepartements Lourival Fontes und der Chef des Generalstabes Pedro Aurelio Gois Monteiro. Ein Ausspruch Gois Monteiros über seine politischen Vorbilder zeigt zudem die Komplexität der Anlehnungen an außerbrasilianische Modelle: 1937 erklärte er, dass es seinen Vorbildern Mussolini, Hitler, Stalin, Mustafa Kemal Pascha, Roosevelt und Salazar" gelungen sei, neue staatliche Organe und Institutionen zu schaffen und so den Staat in die Lage zu versetzen, die innere Krise zu überwinden" (vgl. Bernecker et.al. 1996, 61).

Vargas ließ sich als paternalistische Führerfigur feiern, die Administration wurde durch eine Technokratengeneration ausgeweitet und geleitet. Klientelismus und Nepotismus waren Teil des Systems. Im März und Mai 1938 versuchten die mittlerweile illegalen Integralisten zweimal, Vargas zu entmachten und griffen wenig erfolgreich den Präsidentenpalast an. Ihr Chef, Plinio Salgado, ging ins portugiesische Exil. Die Etablierung des Estado Novo verursachte im demokratischen Ausland, vor allem in den USA und in Großbritannien, heftige Kritik (vgl. Capelato 1998, vgl. Rocha 1998).

 down 27.1 Politik gegen deutschsprachige Einwanderer
 down 27.2 Immigrationspolitik zwischen Antisemitismus und Akzeptanz
 down 27.3 Die "cultura popular"
 down 27.4 Der Umgang mit der Sklavenvergangenheit
 down 27.5 Industrialisierung und Sozialpolitik
 down 27.6 Offizielle Mythenkonstruktion: Das Presse- und Propagandadepartement DIP
 down 27.7 Brasiliens Beziehungen zu Deutschland
 down 27.8 Brasilien und die USA
 down 27.9 Opposition gegen Vargas, Parteiengründung
 down 27.10 Heldenverehrung und Konstruktion von Geschichte
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