Der Erste Weltkrieg beeinflusste nicht nur ökonomisch Brasilien, der Zusammenbruch des Vorbildes Europa wirkte sich auch psychologisch aus. Er beschleunigte die Nationsbestrebungen und die Suche nach eigenem, kreativem Potential. Zu den Pressure groups zählten die jüngere Generation positivistisch geschulter Offiziere (tenentes), die mit einer nationalen Neuorientierung und Überwindung sozialer Rückschrittlichkeit die Missstände im eigenen Land zu überwinden trachteten, sowie auch eine Gruppe der modernistischen Avantgarde um Oswald de Andrade und Mário de Andrade.
Das Jahr 1922 war für Brasilien in vielerlei Hinsicht herausragend: 1922 feierte Brasilien den 100. Jahrestag seiner Unabhängigkeit von Portugal. Symbolische Bedeutung für die Distanzierung vom Vorbild Europa erhielt die durch private Mäzene finanzierte Woche der Modernen Kunst in São Paulo von 11. bis 17. Februar 1922, die im Teatro Municipal als Festival mit MusikerInnen, LiteratInnen, MalerInnen und Bildhauern begangen wurde. Sie erteilten der Orientierung an portugiesischem und französischem Kulturkolonialismus eine Absage. Die Woche der Modernen Kunst wurde nicht zufällig in der boomenden Industriestadt abgehalten, in der soziale, feministische Bewegungen, neue Formen politischen, kulturellen und künstlerischen Ausdrucks die Formen traditioneller bürgerlicher Politik und deren Kulturvorstellungen zu konkurrenzieren begannen. Die künstlerische Selbstdarstellung während der Semana de Arte Moderna entlud ein starkes Protestpotential. Zu den Protagonisten zählten der Schriftsteller und Musiktheoretiker Mário de Andrade (1893-1945), der Schriftsteller Graciliano Ramos (1892-1953), die Malerin Anita Malfatti (1896-1964) und der Komponist Heitor Villa-Lobos (1887-1959). Sie hatten um 1910 noch europäische Kunstströmungen wie Dadaismus, Surrealismus, Expressionismus und Futurismus rezipiert, doch entwickelten sie einen eigenen, sehr heterogenen brasilianischen Modernismus, der sogar Züge eines xenophoben Kulturnationalismus trug. Der 29jährige Mário de Andrade, der Vater der brasilianischen Moderne, forderte im Namen aller Künstler das Recht auf Selbstbestimmung der ästhetischen Werte, die Aktualisierung der brasilianischen Kunst sowie die Bildung eines kreativen Nationalbewusstseins. Europa hatte als Kristallisationspunkt der Referenzkulturen somit seine Vormachtstellung eingebüßt (vgl. Williams 2001). Am 7. September 1922 wurde in Rio de Janeiro die Internationale Ausstellung zum 100. Jahrestag der Unabhängigkeit eröffnet. Sie war eine Leistungsschau brasilianischer Industrie und wurde von 3, 6 Millionen Besuchern gesehen. Auch die Ausstellung vermittelte, dass Brasilien nicht länger die Belle Epoque in Paris nachzuahmen brauchte, um international beachtet zu werden.
1922 war auch ein Schlüsseldatum für die feministische Bewegung Brasiliens, die von der Biologin Bertha Lutz (1894-1976), einer Paulista, entscheidend gefördert und geprägt wurde. Bertha Lutz studierte während des Ersten Weltkriegs an der Pariser Sorbonne Biologie und kehrte 1918 nach Brasilien zurück, wo gerade die englische Frauenbewegung rezipiert wurde. Im selben Jahr publizierte sie in der Zeitung "Revista Semana" einen kritischen Artikel gegen männliche Macht und die diskriminierende Behandlung von Frauen. 1919 gründete sie die Liga der Intellektuellen Emanzipation der Frauen (Liga para a Emancipação Intelectual da Mulher, später Federação Brasileira para o Progresso Feminino) und organisierte 1922 den Ersten Internationalen Feministinnenkongress, an dem auch die US-Repräsentantin Carrie Chapman Catt teilnahm. Als primäre Ziel der Politik wurde das Frauenwahlrecht definiert. Bertha Lutz avancierte zudem zu einer der renommiertesten Erforscherinnen amazonischer Frösche und Kröten und arbeitete am Museu Nacional in Rio de Janeiro. 1921 konstituierte sich übrigens die erste Frauenfußballmannschaft Brasiliens; sie wurde während der Diktatur des Estado Novo aufgelöst. 1932 wurde schließlich während der provisorischen Regierungszeit von Getúlio Vargas das Frauenwahlrecht per Dekret beschlossen. |