Die zum Teil aus Kaffeefazenden abgewanderten Einwanderer, freigelassene Sklaven und brasilianische Migranten strömten um die Jahrhundertwende in die Städte und beschleunigten den Urbanisierungsprozess. Afrikanische, europäische, asiatische Kulturen sowie zahlreiche innerbrasilianische kulturelle Ausdrucksformen beeinflussten sich gegenseitig. Die städtischen Zentren São Paulo, Rio de Janeiro und Porto Alegre orientierten sich städtebaulich an europäischen Mustern. Der Bürgermeister von Rio de Janeiro, Pereira Passos, leitete 1903 gemäss der Losung "Rio zivilisiert sich" ("O Rio civiliza-se") ein an die urbanistischen Maßnahmen des französischen Baron Haussmann angelehntes, umfangreiches Projekt der Stadtsanierung ein, dem große Teile der kolonialen Häuser, die vor allem von Unterschichten bewohnt waren, zum Opfer fielen.
Die arme Bevölkerung wurde gezwungen, auf die Hügel (morros) um Rio zu ziehen; den ersten Siedlungen mangelte es an Strassen und Wasserleitungen. Die Favelas breiteten sich seit der Jahrhundertwende kontinuierlich aus. Städtisches Symbol der Modernisierung während der Präsidentschaft von Rodrigues Alves war die neuerrichtete Avenida Central (heute Avenida Rio Branco). Die Sanierung von Bauten wurde mit Gesundheitsprojekten gekoppelt. Gegen die autoritär verordnete Pockenimpfung setzte sich ein Teil der Bevölkerung heftig zur Wehr. Der berühmte brasilianische Arzt Oswaldo Cruz avancierte zum Pionier der Bekämpfung von Epidemien. Im zweiten Dezennium des 20. Jahrhunderts finanzierte die US-amerikanische Rockefellerstiftung Projekte zur Malaria- und Gelbfieberbekämpfung in Rio de Janeiro und im Amazonasgebiet. Noch stärker als Rio de Janeiro versuchte die als Stützpunkt zwischen den Kaffeeplantagen und dem Hafen Santos groß und reich gewordene Stadt São Paulo die Stadtplanung von Paris nachzuahmen. Die koloniale Struktur wurde weitgehend ruiniert (vgl. Velloso 1996). |