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Brasilien 1889 - 1985
Von der Ersten Republik bis zum Ende der Militärdiktatur
Dr. Ursula Prutsch
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 8 Die europäische Einwanderung als bedeutender Faktor gesellschaftlicher Veränderung in Brasilien
 up 8.8 Brasilien als Einwanderungsland für österreichische MigrantInnen (1875-1942)

8.8.6 Das Projekt Thaler - Dreizehnlinden

Zeitdokumente1927 bis 1933 hatte der ehemalige Landwirtschaftsminister Andreas Thaler bei der österreichischen Regierung vergeblich interveniert, um Subventionen für seine Auswanderung zu erhalten. Denn er hatte sich zum Ziel gesetzt, den vom Tiroler Erbrecht des Erstgeborenen, den von hoher Arbeitslosigkeit, vom Preisverfall für landwirtschaftliche Produkte und 1933 von der 1000-Mark-Sperre Adolf Hitlers Betroffenen in Lateinamerika eine Existenz zu sichern. 1931 demisionierte er, um den Aufbau einer genossenschaftlich organisierten Siedlung katholischer Landwirte- und Handwerkerfamilien in einen Staat zu leiten, wo die "Wahrung des Volkscharakters" (Tradition, Glauben, Bräuche) und der Sprache nicht durch Assimilationsdruck gefährdet sei. Arbeiter waren als Kolonisten eher unerwünscht, weil sie zu unerfahren seien. Die Ländereien für Thaler hatte Walther von Schuschnigg ausgesucht, der mit der Gamillscheg-Aktion nach Brasilien gekommen und im westlichen Santa Catarina konsularische Agenden für Deutschland übernommen hatte.

Der Auswanderungsplan wurde von Thaler und Schuschnigg mit einem kulturmissionarischen Anspruch versehen, da Schuschnigg weitere Immigrationsschübe italienischsprachiger Siedler in der dortigen Region verhindern wollte und Thalers Kolonisationsprojekt als Verbindungsglied zwischen dem deutschsprachigen Siedlungsgebiet in Rio Grande do Sul und jenem in Santa Catarina wertete. Daß Andreas Thaler trotz erheblicher politischer Widerstände in Österreich sein großangelegtes Projekt Dreizehnlinden (Treze Tilias), das für 10 000 Personen konzipiert war, verwirklichen konnte, liegt in seiner Freundschaft zu Bundeskanzler Dollfuß begründet, der ihm eigenmächtig die Hälfte des Jahresbudgets für Siedlungswesen, (500 000 S, heute 2,9 Millionen Euro) für Landerwerb, Reise und technische Ausrüstung zur Verfügung stellte, mit der Auflage, die Geräte in Österreich zu erwerben. "Die Aktion ist eine ‚Führer-Aktion [...] eine genauerer Projektüberprüfung kann daher nicht stattfinden [...]da die Aktion lediglich auf das dem Herrn Bundesminister Thaler entgegengebrachte Vertrauen des Herrn Bundeskanzlers aufgebaut ist." (vgl. Prutsch 1996).

Zeitungsbericht über die Ankunft der ersten Thaler-Kolonistengruppe (1933)

Thaler war für die Verwendung der Gelder niemandem Rechenschaft schuldig. Die erste Gruppe kam im Oktober 1933 mit 80 000 kg Gepäck nach Brasilien. Die gewährte Geldsumme reichte nicht aus. Denn Thaler benötigte aufgrund großzügiger Darlehen für finanzschwache SiedlerInnen, den raschen Aufbau kultureller und infrastruktureller Einrichtungen in der Kolonie, für überteuerte Landkäufe und -reservierungen, wegen sehr hoher Investitionen in Maschinen und Geräte eine neuerliche Subvention von 357 000 Schilling. Der Siedlungsaufbau wurde anfänglich straff genossenschaftlich organisiert, Arbeitsleistungen wurden zur Hälfte in Gutscheinen ausbezahlt, Prämien für Akkordarbeit gewährt. Nach Protesten gab Thaler dieses Prinzip zugunsten von Reprivatisierung und Verpachtung auf, die SiedlerInnen erhielten Land zugeteilt. Bis in die achtziger Jahre fristete der Ort mit seinem Nebenweiler Dollfuß ein kärgliches Dasein, da die Straße in die nahegelegene Stadt Joacaba schlecht und damit der Absatz für landwirtschaftliche Produkte erschwert war.

Koloniegründer Andreas Thaler in Dreizehnlinden

Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich versuchte dieses mit Hilfe der in Brasilien aktiven NSDAP die Kolonie zu annektieren und plante eine Siedlungsaktion Sudetendeutscher in diesem Gebiet. Der Beginn des Zweiten Weltkriegs, Probleme der gesetzlichen Legitimierung dieses Annexionsversuches, Widerstände in der Kolonie sowie der Abbruch der brasilianischen diplomatischen Beziehungen zu Deutschland ließen die Vereinnahmung scheitern. Andreas Thaler war 1939 bei einem Hochwasser ums Leben gekommen. Im Jahr 1959 konnte die seit 1933 mit der Verwaltung und Abwicklung der Transporte betraute österreichische Auslandssiedlungsgesellschaft in Innsbruck aufgelöst werden, nachdem sie einen Ablösebetrag von 400 000 S von der brasilianischen Regierung erhalten hatte. In den vierziger Jahren hieß Dreizehnlinden "Papuan", da der nation-building-process und die Politik gegen ehemalige Bewohner der Achsenmächte zu zahlreichen Namensänderungen von Einwandererdörfern geführt hatte. 1961 wurden in Treze Tilias die restlichen Besitztitel vergeben. Heute ist es mit ca. 5000 Einwohnern ein prosperierendes Munizip, das auch aufgrund der Subventionen der Tiroler Landesregierung, kontinuierlicher, temporärer Migrationen zwischen Tirol und der Ortschaft und der gestiegenen Attraktivität als exotisches Tourismusziel in den letzten Jahren profitieren konnte.

Das Hotel Tirol in Dreizehnlinden
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