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Brasilien 1889 - 1985
Von der Ersten Republik bis zum Ende der Militärdiktatur
Dr. Ursula Prutsch
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 8 Die europäische Einwanderung als bedeutender Faktor gesellschaftlicher Veränderung in Brasilien
 up 8.8 Brasilien als Einwanderungsland für österreichische MigrantInnen (1875-1942)

8.8.3 Migrationspolitik und -kontrolle in der Zwischenkriegszeit

Die österreichische Wanderungspolitik der Nachkriegsjahre verfolgte im allgemeinen keine klare Linie. Sie traf in Einzelfällen gebotene Maßnahmen, subventionierte im Regelfall Auswanderungsprojekte nicht, um im Falle des Scheiterns keine Verantwortlichkeit übernehmen zu müssen. Doch galt die Auswanderung bis Mitte der 1920er Jahre als ein akzeptiertes, wenn nicht letztes Mittel zur Entlastung des Arbeitsmarktes. Um an die begehrten Freipassagen des Staates São Paulo zu kommen, trugen sehr viele österreichische Passwerber in ihre Passanträge mit Unterstützung der österreichischen Beamten den Beruf "Landwirt" ein, ohne welche zu sein. Diese Angaben bildeten dann die Grundlage der Statistik, die die berufliche Ausbildung der Auswanderer festhalten sollte. Allerdings betrieben Arbeiter oftmals kleine Hausgärten und verfügten über landwirtschaftliche Kenntnisse.

Fragebogen für Passwerber

Auch nach 1920 erreichten geschlossene Auswanderungsorganisationen nach Brasilien dasselbe Schicksal wie die Aktion "Neue Heimat" von Gamillscheg. Der "Kolonisationsverband für Arbeiter und Angestellte", dessen Mitglieder vor allem aus den Industrie-Krisenregionen der Steiermark kamen, warb 1926/27 für Cananea, eine der Paulistaner Küste vorgelagerte Insel mit subtropischem Klima. Die klimatischen Bedingungen, Malaria, mangelnde landwirtschaftliche Eignung und die geringen Absatzmöglichkeiten ließen die aus dem steirischen Mur- und Mürztal kommenden Industriearbeiter scheitern. 1931 lebte noch eine Familie dort.

Vor der Auswanderung war an alle Mitglieder des Vereins in Österreich ein Rundschreiben ergangen, dass sämtliche Papiere und Pässe der Steirer auf Landwirt oder landwirtschaftliche Arbeiter zu lauten haben. Die Anwerbung war auf privater Initiative in Brasilien erfolgt. Denn die Paulistaner Regierung hatte gleich nach Kolonisationsbeginn die Subventionen zurückgenommen, da sie die ÖsterreicherInnen als sogenannte Zylinderhut-Kolonisten einstufte und ein zweites "Gamillscheg-Desaster" verhindern wollte. Die aus den Kolonien mit schlechten Böden und abgewirtschafteten Plantagen abgewanderten Familien zogen meist in lokale urbane Zentren, die auch durch zunehmende innerbrasilianische Migration wuchsen und der Baubranche zu Konjunktur verhalfen. 120 Wiener Bauarbeiter bekamen 1929 auch Arbeitsverträge für Belo Horizonte, was die Wiener Presse mit Kritik wertete. Sie verurteilte es, "fähige Bauarbeiter in die Gluthölle Brasiliens" zu schicken, während in Wien Häuser verfallen". Die Temperatur in Brasilien wurde in der Presse mit 60-70 Grad Celsius angegeben.

Schiffsticket

Die Weltwirtschaftskrise, die sich 1930 auch auf Brasilien auswirkte, bewirkte eine Einstellung vieler urbaner Bauvorhaben. Die gebotenen Unterstützungen der brasilianischen Regierung für Kolonisten, die geschickte Propaganda, die den Glauben vom Mythos des "Goldlandes Brasilien" verbreitete, die hohen Wachstumsraten in Brasilien und vor allem die bis 1927 bezahlten Freipassagen des Staates São Paulo ermöglichten vielen ÖsterreicherInnen bis Ende der zwanziger Jahre die Auswanderung nach Brasilien, die sie sonst nicht hätten finanzieren können. Eine Schiffspassage kostete um 1928 600 bis 800 Schilling, das entsprach 2 bis 3 Monatslöhnen eines Industriearbeiters. So stellte das Wanderungsamt für das Jahr 1923 fest, dass nur ein Drittel der fast 2000 ausgewanderten Personen die Passagen selbst finanzierte (vgl. Prutsch 1996).

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