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Brasilien 1889 - 1985
Von der Ersten Republik bis zum Ende der Militärdiktatur
Dr. Ursula Prutsch
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 8 Die europäische Einwanderung als bedeutender Faktor gesellschaftlicher Veränderung in Brasilien
 up 8.8 Brasilien als Einwanderungsland für österreichische MigrantInnen (1875-1942)

8.8.1 Die "Aktion Gamillscheg"

Propagandablatt für Auswanderung 1919

Diese erste Auswanderungsaktion wurde unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkrieges vom ehemaligen k.u.k. Rittmeister Othmar Gamillscheg konzipiert, um seinen Kollegen, der von wirtschaftlicher Not betroffenen Offizieren zu helfen. Er griff handelspolitische Motive der deutschnational geprägten, österreichischen Kolonialgesellschaft auf. Sie war 1902 gegründet worden und hatte versucht, Auswanderung von Deutschsprachigen aus der Monarchie mit der Gründung von handelspolitischen, genossenschaftlich organisierten Kolonien zu verbinden und so neue Absatzmärkte zu schaffen. Sein Enthusiasmus, einer Gruppe zum erträumten Erfolg zu verhelfen und damit das eigene, angeschlagene Selbstwertgefühl zu heben, entfachte ein Auswanderungsfieber, das ansteckend wirkte und irrationale Hoffnungen erweckte. Ein Gesetz vom 6. Februar 1919, das vorläufig keine Stellungspflicht festlegte, beendete zudem die bürgerlich-rechtliche Ausnahmestellung von Offizieren. Gamillscheg gründete Ende 1918 sein Unternehmen "Neue Heimat" und hatte bis Mai 1919 bereits 1000 Personen (davon waren 400 ehemalige Armeeangehörige) angeworben. Da Brasilien Landwirtefamilien den Vorzug gab, und Offiziere großteils unverheiratet waren (man benötigte eigene Dispens, um heiraten zu können), warben Mitglieder der Gamillscheg-Aktion in Zeitungsartikeln interessierte Frauen an, die mit ihnen das Brasilien-Abenteuer wagen würden (vgl. Prutsch 1996, vgl. Doppelbauer 1988).

Um seine Auswanderung zu finanzieren, wurden mit Hilfe des "Silbernen Kreuzes" (einer Hilfsaktion für Militärpersonen) zwei Spendenaktionen in den Niederlanden, in Großbritannien, Schweden und der Schweiz durchgeführt. Im Mai 1919 unternahm Gamillscheg eine Studienreise nach Brasilien. Während er mit brasilianischen Regierungsstellen und Siedlungsgesellschaften um Ländereien verhandelte, fuhren die ersten beiden Gruppen - des Wartens müde - aus Wien bereits los, da Gamillscheg positive Berichte über seine Verhandlungserfolge nach Wien gesandt hatte, die vage Zugeständnisse als Beschlüsse darstellten. Nachdem der dritte Transport von 300 Personen im Oktober 1919 von Triest abgefahren war, unterzeichnete Gamillscheg überstürzt mit der Regierung von São Paulo einen Vertrag über die Bearbeitung der Kaffeefazenda "Boa Vista" bei Corumbathay. Nach einer sechsmonatigen Lehrzeit wurden den Kolonisten Lose in Aussicht gestellt. Schriftlich fixierte Erinnerungen eines Mitgliedes illustrieren die Vorstellung von Brasilien und die Reaktionen der brasilianischen Behörden: Denn bei ihrem Aufenthalt in der Immigrationsbehörde im Paulistaner Stadtteil Braz erregten die Gagisten "in ihrer halbmilitärischen Kleidung der schlecht umgearbeiteten Uniformen, den schweren Stiefeln, Wickelgamaschen und feldgrauen Reithosen Aufsehen. Bei der Zollrevision nahm man ihnen zahlreiche Militärwaffen ab. Dass in Brasilien portugiesisch gesprochen wurde, hatten viele erst auf dem Schiff erfahren. Bereits nach den ersten Arbeitstagen der Gamillscheg-Mitglieder auf der verwahrlosten, inmitten eines Buschwaldgebietes liegenden Fazenda Boa Vista waren die Auswanderer an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gestoßen. Ein Teil wanderte rasch in größere Städte ab, während bis Anfang 1920 neue Siedler - insgesamt waren es 850 - nach Brasilien kamen. Ein Problem stellte für die Organisation der Frauenmangel dar - bei der ersten ausgewanderten Gruppe vwaren von fast 400 Personen nur 72 Frauen und 20 Kinder. In der Zeitung "Der Auswanderer", dem Propagandaorgan einiger österreichischer Auswanderervereine, warb Gamillscheg per Annonce Ende 1919: "Die ersten Tage bisher in der Kolonie verlaufen recht zufriedenstellend, die Mitglieder inclusive der Frauen sind voll Arbeitslust, fügen sich zu 90% willig und gern meiner manchmal recht strengen Leitung, deren Notwendigkeit im Interesse unseres Gedeihens sie einsehen (...) Frauen müssen kochen, waschen und wenn sie dies nicht können, es noch vorher lernen (...) Sie werden in kürzester Zeit unter uns Junggesellen einen Mann finden."

Die militärischen Mitglieder der Aktion Gamillscheg geben auch ein gutes Beispiel dafür, dass Auswanderer ihre Erinnerungen als "kulturelles Gepäck" in das Aufnahmeland mittrugen. Denn noch im Jahr 1921 begingen die Gamillscheg-Kolonisten in den Kaffeeplantagen von São Paulo den Geburtstag von Kaiser Franz Joseph in ihren Uniformen, die sie als Symbol ihrer Identität mitgebracht hatten. Als Migranten transferierten sie kulturelle Codes, die an Gedächtnisinhalte gekoppelt und oft mit den Gefühlen von "Heimweh" wie Nostalgie verbunden sind (vgl. Doppelbauer 1988, vgl. Prutsch 1996).

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