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Brasilien 1889 - 1985
Von der Ersten Republik bis zum Ende der Militärdiktatur
Dr. Ursula Prutsch
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 8 Die europäische Einwanderung als bedeutender Faktor gesellschaftlicher Veränderung in Brasilien

8.7 Transfer gesellschaftlicher Konzepte und kultureller Codes

Haus in Blumenau, einem Zentrum deutschsprachiger Einwanderung

Von den im Jahre 1900 im Staat São Paulo registrierten Arbeitern waren 92% AusländerInnen, davon 81% ItalienerInnen. Diese dominierten auch in der Textilwirtschaft. Viele waren ursprünglich als KaffeearbeiterInnen gekommen. 1920 waren in Brasilien 300 000 IndustriearbeiterInnen registriert. Vor allem durch die italienischen und spanischen EinwandererInnen wurden anarcho-syndikalistische, gewerkschaftliche Ideen und Konzepte transferiert. Aufgrund der fehlenden einheimischen Arbeiterschicht konstitutierten sich keine radikalen Bewegungen. Streikerfolge konnten durch ethnische Konflikte gemindert werden. Eine Ausnahme war der Streik für die Durchsetzung des 8-Stunden-Tages, den 10 000 Arbeiter unterstützten. Eine Arbeiterpartei gab es in Brasilien seit 1890 (vgl. Hall 1975).

Da die Einwanderer in den Gebieten, in denen sie siedelten, eine schwach ausgeprägte Infrastruktur und meist keine religiösen und schulischen Einrichtungen vorfanden, brachten sie ihre Geistlichen und Lehrer mit, beziehungsweise gründeten eigene Schulen. Neben ethnischen Konflikten, die ins Aufnahmeland transferiert wurden, manifestierten sich auch religiöse Konflikte - etwa zwischen Protestanten und Katholiken -, in der "Neuen Heimat". Mit den Einwanderern aus dem Osmanischen Reich und Japan erhöhte sich der Grad der Plurikonfessionalität. Das Fehlen brasilianischer Institutionen förderte die Bildung von sprachlichen Enklaven, die die Bundesregierung durch pluriethnische Koloniebildungen vermeiden wollte. Die Bildungs- und Nationalisierungspolitik der ersten Regierung von Getúlio Vargas (1930 - 1945) legte ihr Augenmerk auf eine rasche Etablierung schulischer Institutionen, die Nationsgefühl und Identität formen sollten (vgl. Gertz 1980).

Kolonistenkirche in Südbrasilien

Einwanderervereine hatten neben ihren Hauptaufgaben, Ersatzfunktion für verlorengegangene Bindungen zu sein und Traditionen aufrechtzuerhalten, oftmals auch die Tendenz, einen Wertekanon kulturellen Überlegenheitsgefühls gegenüber der einheimischen Bevölkerung zu kultivieren, das auch zur Bewältigung der psychisch belastenden Situation diente, die Heimat meist aus ökonomischen Gründen verlassen zu haben (vgl. Prutsch 1996).

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