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Brasilien 1889 - 1985
Von der Ersten Republik bis zum Ende der Militärdiktatur
Dr. Ursula Prutsch
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 8 Die europäische Einwanderung als bedeutender Faktor gesellschaftlicher Veränderung in Brasilien

8.6 Herkunft der Einwanderer

Die Einwanderungsbehörte im Stadtteil Braz in Sao Paulo

Die Einwanderer stammten zunächst vor allem aus deutschen Kleinstaaten, ab 1871 dem Deutschen Reich, der Schweiz, der österreichisch-ungarischen Monarchie, aus Italien, Spanien, Portugal, aus dem Libanon, Syrien und ab 1908 aufgrund von Regierungsvereinbarungen auch zunehmend aus Japan, sodass sich heute die größte japanische Bevölkerungsgruppe außerhalb ihres Heimatlandes in Brasilien befindet. Von den 1890er Jahren an bis 1914 nahm Österreich-Ungarn die fünfte Stelle unter den Einwanderungsstaaten ein.

Die italienische Einwanderungsbewegung, die ab 1888 auch durch die rascheren Transportmittel und geringeren Transportkosten massiv einsetzte und jährlich etwa 50 000 Auswanderer nach Brasilien brachte, war besonders gut organisiert. Nicht wenige pendelten für ein halbes Jahr nach Brasilien oder Argentinien, zahlten dort ihre Ersparnisse auf eigene Banken, die das Geld nach Italien transferierten und kehrten wieder zurück (Schwalbenwanderung). Die von den Auswanderern erwirtschafteten Geldreserven unterstützen die heimischen europäischen Volkswirtschaften. Die Rolle der italienischen und spanischen Einwanderung, die Existenzbewältigung im Aufnahmeland und der Sprachwechsel wurde im Jahr 2002 in einer der beliebten Fernsehserien (der Telenovelas) unter dem Titel Esperanza (Hoffnung) thematisiert. Der italienische Einwanderer Francisco Matarazzo gilt bis heute als Symbol gesellschaftlichen Aufstieges durch Mobilität. Nachdem er sich zuerst in Schweineschmalzerzeugung, in Getreideproduktion und -handel, durch Textilfabriken und in der Metallindustrie Reichtum erwirtschaftet hatte, avancierte er nicht nur zum reichsten Brasilianer, sondern war um 1910 der größte lateinamerikanische Industrielle seiner Zeit. Die Einwanderungspolitik wirkte sich deutlich auf das Bevölkerungswachstum aus. 1905 hatte Brasilien 20 Millionen Einwohner, 1930 bereits 30 Millionen. Im Laufe der Alten Republik (1889-1930) waren in jeder Dekade eine halbe bis eine Million Menschen nach Brasilien immigriert. Das Jahr 1913 bildete mit 192.683 Einwanderern den Höhepunkt der Brasilienwanderung. Zwischen 1884 und 1939 wurden offiziell knapp über 4 Millionen Einwanderer registriert. In Rio de Janeiro und Sao Paulo lebten um 1914 bereits jeweils eine Million Menschen. Die europäischen und asiatischen Einwanderer spielten eine bedeutende Rolle im Kaffeeboom Sao Paulos und der Besiedlung Südbrasiliens.Sie veränderten nicht nur das ethnische Gesellschaftsgefüge eminent, sondern trugen auch wesentlich zur Urbanisierung, zum Aufbau einer verkehrstechnischen Infrastruktur bei, sie transferierten Kapital, Technologie, kulturelle Codes ihrer Gesellschaften, politische Ideologien und gesellschaftstheoretische sowie sozialrechtliche Modelle (wie den Anarchosyndikalismus) in den größten lateinamerikanischen Staat (vgl. Caldeira 1999, vgl. Bernecker 2000, vgl. Zoller 2000).

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