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Brasilien 1889 - 1985
Von der Ersten Republik bis zum Ende der Militärdiktatur
Dr. Ursula Prutsch
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 8 Die europäische Einwanderung als bedeutender Faktor gesellschaftlicher Veränderung in Brasilien

8.3 Einwanderer für die Kaffeefazenden

Haus österreichischer Kolonisten

Als besonders effizient für die Anwerbung von europäischen Einwanderern erwies sich die Praxis, die der Staat (vor 1889 Provinz) São Paulo von 1884 - vier Jahre vor der Abolition der Sklaverei - bis zum Jahre 1926/27 anwandte: nämlich Landwirtefamilien mit mindestens drei arbeitsfähigen Personen zwischen 12 und 50 Jahren die Überfahrt vorzustrecken; diese war über einen Zeitraum von fünf bis acht Jahren abzuzahlen. Die Familien wurden als Kolonisten oder als Plantagenarbeiter auch aufgrund der geringeren Flexibilität bevorzugt, denn sie hielten in Krisenzeiten länger in der Kolonie bzw. in den Plantagen durch als individuelle Arbeiter. Die brasilianische Verfassung von 1891 regelte zudem die staatliche Eigeninitiative der Einwanderungsförderung. Eine zweite Möglichkeit waren Rufkarten ("Cartas de Chamada"). Der Staat gestattete Landwirten, beim Staatssekretariat für Ackerbau um solche Karten für namentlich genannte Verwandte und Bekannte anzusuchen und sie zu bezahlen.

Das Budget São Paulos sah riesige Ausgaben für Werbung vor, da Brasilien ab den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts in den USA und in Argentinien zwei starke Konkurrenten der Einwanderungswerbung besaß und zudem mit einem schlechten Image zu kämpfen hatte: dem des ausbeuterischen Fazendasystems, den Gelbfieberepidemien und des für Zentral- und Nordeuropäer schwer erträglichen Klimas. Da São Paulo bis zur Jahrhundertwende konstant in die Kaffeeproduktion und Ausweitung seiner Plantagen investierte, benötigte es eine immer höhere Anzahl außerbrasilianischer Arbeitskräfte. 1887 waren 60 - 70 000 Einwanderer (vor allem Italiener und Italienerinnen) in São Paulo, dagegen nur mehr 50 000 Sklaven, 1888 hatte sich ihre Zahl um 10 000 verringert. 1878 hatte São Paulo lediglich 9, 2% der gesamtbrasilianischen Einwanderung erhalten, 1901 bereits 84 % (vgl. Prutsch 1996).

Die KaffeearbeiterInnen arbeiteten zunächst vorwiegend nach dem Parcería-System, nach dem die Hälfte des geernteten Kaffees abgegeben werden musste, danach bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts nach dem sogenannten "Colonato-System"; das heißt sie betreuten eine festgesetzte Anzahl von Kaffeebäumen nach einem bestimmten Monatslohn, durften daneben aber einen kleinen Landstreifen zwischen den Kaffeereihen zur Subsistenz bewirtschaften. Der Vorteil dieses Systems bestand in Zeiten der Kaffeeabsatzkrise in der Gebundenheit an die Familie; die zusätzlich angebauten Nahrungsmittel halfen über Zeiten mit niedrigen Preisen für die cash-crop Kaffee hinweg und ermöglichte ihnen sogar durch den Verkauf der produzierten Nahrungsmittel, Land zu erwerben. Mit dem Zusammenbruch des Kaffeemarktes im Jahre 1929 wurden viele "colonatos" Besitzer kleinerer Fazenden. Das "Glück" der Kaffeearbeiterfamilie hing von deren Gesundheit, dem "Goodwill" des Fazendeiros, den Ernten und vom Kaffeeweltmarktpreis ab. Plantagenbesitzer wandten auch oftmals die Praxis an, den Landerwerb der Pächter durch hohe Lebensmittelpreise im fazendaeigenen Kaufhaus (der venda) oder durch Kreditzinsen von 12% für die geleisteten Subsidien zu verhindern. Das Verlassen der Fazenda vor Abzahlung der Schulden war bei hoher Strafe verboten (vgl. Stolcke 1989).

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