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Brasilien 1889 - 1985
Von der Ersten Republik bis zum Ende der Militärdiktatur
Dr. Ursula Prutsch
Institut für Geschichte der Universität Wien
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 up 8 Die europäische Einwanderung als bedeutender Faktor gesellschaftlicher Veränderung in Brasilien

8.2 Die Rolle der Einwanderungspropaganda

Zeitungsannoce in den zwanziger Jahren

Falta de braços (Mangel an Arbeitskräften) bildete ab 1850 ein Leitthema der brasilianischen Ökonomie. Nicht nur der Kaiser, ab 1889 die Bundesregierung, sondern auch die Staatsregierungen und private Siedlungs- und Eisenbahngesellschaften betrieben - zunächst vor allem durch britische Kredite - Kolonisationspolitik, in dem sie vorzugsweise Arbeiter für Fazenden sowie Landwirtefamilien mittels Netzwerken von Agenten und Subagenten in Europa anwarben. Dort wurden meist bereits Arbeitsverträge unterzeichnet, den Auswanderern die Passagekosten vom europäischen Ausschiffungshafen bis zu den jeweiligen brasilianischen Häfen vorgestreckt. Pro angeworbenem Auswanderer kassierten die Agenten Kopfgeld. Auch Schifffahrtsgesellschaften engagierten Personal, das in Gaststätten, Reisebüros, Bahnhöfen, mittels Plakaten, Zeitungsannoncen und Werbezetteln, die sie in Gebetbücher steckten, für die Auswanderung warb. Die Wanderungswerbung war gerade für Schifffahrtsgesellschaften lukrativ, weil die Schiffe mit Kaffee beladen nach Europa fuhren und auf dem Rückweg Einwanderer als Zwischendeckpassagiere mitnahmen. Europäische Staaten mussten aufgrund der immer größeren Abwanderungszahlen Maßnahmen gegen die Auswanderungspropaganda ergreifen. Die Agenten nützen auch ethnische Konflikte aus, um mit ihrer Werbung Erfolg zu haben.

Die Berichte des Brasilienreisenden Thomas Davatz über die schlechten Arbeitsbedingungen in den Fazenden und tropische Kranken bewirkten, dass von 1859 bis 1896 Preussen die Immigration seiner BewohnerInnen nach Brasilien verbot. Die Auswanderungspropagandisten agierten verstärkt in der österreichisch-ungarischen Monarchie und der Schweiz. Um 1893 gab es im österreichischen Galizien einen Prozess gegen Propaganda, weil Agenten behauptet hatten, Brasilien sei eine von Kronprinz Rudolf, dem 1889 verstorbenen Sohn Kaiser Franz Josephs, beherrschte Provinz, wohin der Kaiser selbst die Auswanderung empfehle. Ein anderer Werbetrick gab vor, dass Kaiserin Leopoldine von Habsburg nach ihrem Tod mit Unterstützung des Papstes den polnischen Bauern Land vermacht habe. Es kam nicht selten vor, dass Auswanderer schließlich in Regionen oder Staaten landeten, in die sie gar nicht zu migrieren beabsichtigten (vgl. Prutsch 2000). Ein österreichischer Auswanderer berichtete an das österreichische Wanderungsamt: "Im Frühjahr 1925 fuhren wir 8 österreichische Familien mit dem Dampfer Flandria des königl[ich] holl[ändischen] Lloyd von Amsterdam ab. Von den Agenten der Gesellschaft in Wien wurden uns verschiedene Annehmlichkeiten auf der Bahnfahrt und am Schiffe versprochen, doch war das Gegenteil der Fall.. [In Sao Paulo] kamen hernach auch zwei angebliche ungarische Fazendenarbeiter in den Saal, welche das Leben und den Verdienst auf den Kaffeefazendas belobten (Lockvögel). Es wurde uns nun gesagt, die österr[eichischen] und deutschen Familien können auf eine deutsche Kolonie im Süden des Staates Sao Paulo [...] [wir] kamen [...] auf einer Kaffeefazenda an der Grenze des Minas Saraes [sic] an. Kein Mensch auf dieser Fazenda sprach deutsch." (vgl. Prutsch 1996).

Statistik: Ausgaben der Zentralregierung und des Staates Sao Paulo für Einwanderungswerbung

Jahr
Zentralregierung
Ausgaben Sao Paulo
1884
977.061 Milreis
374.287 Milreis
1888
23, 853.281 Milreis
2,893.168 Milreis
1905
194.278 Milreis
3, 172.489 Milreis


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