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Brasilien 1889 - 1985
Von der Ersten Republik bis zum Ende der Militärdiktatur
Dr. Ursula Prutsch
Institut für Geschichte der Universität Wien
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Einleitung

Die vorliegenden Texte wurden in Zusammenhang mit einer Überblicksvorlesung zur Geschichte Brasiliens "Brasilien 1500-2000. Eine tropische Geschichte in atlantischer Perspektive" erstellt, die im Wintersemester 2002/03 von der Autorin zusammen mit a.o. Univ. Prof. Thomas Fröschl am Institut für Geschichte der Universität Wien abgehalten wurde. Die Autorin erarbeitete den Abschnitt von 1889 bis 2003.

Stadtansicht Rio de Janeiro

Der international bekannte Wissenschafter und zweimalige Staatspräsident Fernando Henrique Cardoso (1995-2002) behauptete zu Recht, dass Brasilien kein unterentwickeltes, sondern ein ungerechtes Land sei. Erste und dritte Welt der seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion viertgrößten Demokratie der Welt, dem größten katholischen Land und der achtgrößten Volkswirtschaft liegen dicht nebeneinander.

Auch die Gesellschaft basiert auf einer Polarisierung zwischen Mangel und Privilegien. Die Metropole São Paulo ist mit ihren 24 Millionen Einwohnern ein bedeutendes Zentrum der Informationsökonomie und High-Tech-Lieferant für Lateinamerika. Im Bereich der Kommunikationstechnologie und -forschung, in der Auto-und Flugzeugindustrie verfügt Brasilien über ein hohes technologisches Niveau. Der gesetzliche Mindestlohn liegt bei cirka 100 Dollar monatlich, mehr als 60 % der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze, 50% der Einkommen fallen auf 10% der reichsten BrasilianerInnen. Zwischen der Möglichkeit des sozialen Aufstiegs und der Hautfarbe besteht noch immer ein enger Konnex; gleichzeitig hält sich der in den dreißiger Jahren mit staatlicher Unterstützung geformte Mythos der konfliktfreien pluriethnischen Gesellschaft, die sich aus der indigenen Bevölkerung, den Nachkommen europäischer und asiatischer Einwanderer sowie afrikanischer Sklaven zusammensetzt, bis heute. Nahezu die Hälfte des 850 Millionen Quadratkilometer großen Staates sind nutzbares Land, von dem wiederum nur etwas mehr als die Hälfte bewirtschaftet wird. Die für die Schuldenrückzahlungen aufzubringenden Summen betragen zur Zeit etwa eine Milliarde Euro wöchentlich. Nicht nur die ungerechte Landverteilung, die Konzentration von Großgrundbesitz, der Rassismus, sondern auch die politische Kultur haben ihre Wurzeln in kolonialen Strukturen, die mit anderen Mitteln in der modernen kapitalistischen Weltwirtschaft weitertradiert werden. Auch nach 1889 spielen Parteien in der politischen Landschaft des 1822 von Portugal unabhängig gewordenen Brasilien eine geringe Rolle; parteipolitischer Regionalismus, Klientelismus, Korruption und autoritäre Strukturen kennzeichnen die politische Kultur, der es oft an "good governance", einem Grundkonsens in Bezug auf Werte, Normen und Spielregeln mangelt, obwohl die aktuelle Verfassung von 1988 diese festgelegt hat, und das positivistische Credo von "Ordnung und Fortschritt" bis heute aufrechterhalten wird.

Landkarte: Europa in Brasilien

Habe nach Hartmut Sangmeister die koloniale Wirtschaftsorganisation dazu gedient, Überschüsse für die Kapitalkonzentration in Portugal abzuschöpfen, so gehe die von brasilianischen Eliten forcierte Einbindung Brasiliens in den Weltmarkt ab den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts ebenfalls mit einem permanenten Abzug von Ressourcen einher, die nun der heimischen Gesellschaft nicht mehr zur Verfügung stehen, obwohl Brasilien im Laufe des 20. Jahrhunderts eine bedeutende wirtschaftliche Entwicklung realisierte. Die wirtschaftliche und soziale Situation des Landes lässt sich nicht einfach als unausweichliches Ergebnis der Wirkung außenbestimmter Faktoren oder als fatale Konsequenz der Einbindung in das Weltmarktsystem interpretieren (vgl. Sangmeister 2000). Es sind - wie auch Fernando Henrique Cardoso in seiner Rolle als Wissenschafter in seinem differenzierten grundlegenden Beitrag zur Dependenzdebatte einbezog - die brasilianischen politischen und ökonomischen Eliten für Ungleichheit und "Entwicklungs"-Defizite mitverantwortlich, die überwiegend keine Wettbewerbseliten, sondern Rentier-Eliten waren, den Staat für zusätzliche Einkommen nutzten und ihre Privilegien absicherten.

Brasilien nimmt in Lateinamerika aufgrund seiner Größe, seines Wirtschaftspotentials eine Führungsrolle ein - so dominiert es im 1991 gegründeten Wirtschaftsbündnis Mercosul (Mercosur). Dass es keineswegs Spielball großer Mächte wie der USA war, die es als regionale Macht stets repektierten und Konflikte vermieden, sondern eine flexible, pragmatische Außenpolitik - etwa in den Beziehungen zu afrikanischen Staaten - betrieb und betreibt, lässt sich anhand der Beziehungen im 20. Jahrhundert veranschaulichen. Beim Aufbau einer eigenen High-Tech-Industrie, oder jüngst in der, von der internationalen Pharmaindustrie heftig bekämpften Produktion einheimischer Medikamente zur Bekämpfung von AIDS, bewies Brasilien seine Machtposition. Mit der Wahl des aus den Unterschichten stammenden Chefs der Arbeiterpartei und Mitorganisator von Metallarbeiterstreiks gegen die Militärdiktatur von 1978, Luís Ignacio Lula da Silva, zum Staatspräsidenten Brasiliens (seit 1. Jänner 2003) konzentriert sich Brasilien wieder stärker auf seine führende Position in Lateinamerika. Lulas angestrebte Regierungspolitik, der unter anderem auch Frauen aus den Favelas wie Marina Silva und Benedita da Silva angehören, markiert eine Wende brasilianischer Politik, die nun versucht, die Fronten zwischen "erster" und "dritter" Welt im eigenen Land aufzuweichen.

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