Das Massaker an den Bewohnern von Canudos ging rasch in die brasilianische Historiographie durch das 1902 publizierte Buch des Militäringenieurs Euclides da Cunha (1866-1901) "Krieg im Sertão" ein, der als Kriegsberichterstatter und Journalist die Stadt bereiste und mit seinem Buch eine detaillierte sozio-geographische Schilderung des für ihn völlig unbekannten, kargen und semiariden Sertão, einer lebensfeindlichen Landschaft und seiner Bewohner bot. Euclides da Cunha klagte die Armee des vorsätzlichen Massenmordes an, weil die junge Republik über einen rückständigeren Teil ihrer eigenen Bevölkerung mit gnadenloser Gewalt hergefallen war.
Das von Zeitgenossen zur Bibel der Nation erkorene Buch wurde ein Bestseller aufgrund seiner Mischung aus einfühlsamer Geschichtsschreibung und Dichtung. Es gilt bis heute als klassisches Grundwerk brasilianischer Literatur. Zudem bündelt es Stimmungen der Jahrhundertwende: "Os Sertões" ist eine Selbstkritik der Nation durch die Beschreibung einer für brasilianische Intellektuelle unbekannten Region und ein wichtiges Beispiel nationaler Selbsterkundung. Es stellt den Beginn einer brasilianischen intellektuellen Bewegung dar, die auf die Überwindung der Europafixiertheit zielte, sich mit der eigenen Bevölkerung im Hinterland zu befassen und sie in eine Nationalkultur einzugliedern begann. Der Sertanejo, der Bewohner des Hinterlandes, wurde zumindest theoretisch aufgewertet. Euclides da Cunha bewertet die Mestizen und Mulattenbevölkerung zwar als "Nachzügler", aber nicht mehr als Makel für die Entwicklung des brasilianischen Volkes. Das Werk bot damit eine Möglichkeit der Überwindung des Selbsthasses, des Minderwertigkeitskomplexes der BrasilianerInnen, lediglich Kolonisierte und Imitatoren europäischer Kunst und Kultur zu sein. Euclides da Cunha fragte zudem auch nach der Position und der Zukunft Brasiliens im internationalen Konkurrenzkampf der europäischen Mächte und der USA (vgl. da Cunha 2000, S. 757ff.). |